Rezension: Gruselkabinett - 147 - Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni

Neongrüne Riesenspinnen jagen Frankensteins Monster durch Draculas Schloß!
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Rezension: Gruselkabinett - 147 - Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni

Beitrag von MonsterAsyl » Mo 06.05.2019, 15:57

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Gruselkabinett - 147 - Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni

Zum Inhalt:
Das Ehepaar Hargreaves wird 1934 zu einem Kongress in Venedig eingeladen, um dort seine Erfahrungen mit dem Übersinnlichen zu schildern. Da ihre Tochter Pamela noch nicht schulpflichtig ist, wollen Alwyne und Colin sie auf die Reise mitnehmen. Am Tag der Abfahrt erscheint unvermutet Colins Tante Marilyn, die beschlossen hat, die kleine Familie zu begleiten und mit ihrem Automobil zu der Veranstaltung zu bringen. Notgedrungen willigen die Hargreaves ein, und zunächst verläuft die Fahrt auch ereignislos. Doch dann geraten sie im Salzburger Lungau in einen heftigen Schneesturm. Die Straße ist nicht mehr passierbar, und alle sind erleichtert, als plötzlich aus dem Nichts ein Pferdeschlitten auftaucht, dessen Kutscher ihnen anbietet, in dem verlassenen Schloß Moosham zu nächtigen...

Zur Produktion:
Nach den Gruselkabinettfolgen 83 - Heimgesucht, 89 - Heimgekehrt und 109 - Heimweh ist dies nun das vierte Mal, daß Skriptautor Marc Gruppe eine Geschichte des Ermittlerpaares Hargreaves erzählt, das ursprünglich aus der Feder von Allen Upward stammte. Während das zweite und das dritte Abenteuer komplett von ihm erdacht worden sind, stellt er hier die österreichische Sage vom "Schörgen-Toni" in den Mittelpunkt. Meines Wissens nach gibt es davon bisher nur eine einzige, dafür aber sehr bekannte Vertonung. Wer nun glaubt, ich würde einen Vergleich zwischen den beiden Hörspielen ziehen, den muss ich direkt enttäuschen. Meiner Meinung nach ist so eine Gegenüberstellung nicht nur sinn-, sondern auch respektlos, da es jedes Hörspiel verdient, losgelöst von etwaigen Vorurteilen oder Erwartungen konsumiert und auch entsprechend rezensiert zu werden. Deshalb belasse ich es auch bei dem Verweis, daß sowohl hier als auch in der bereits existierenden Version die gleichen vier Sagen ("Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni", "Die vier Wölfe", "Die feindlichen Brüder" und "Die Siegmundsage") in die Handlung einfließen. Marc Gruppe beginnt seine Geschichte mit einer intensiv inszenierten und gespielten Gerichtsszene, bei der Anton Heilmeier, genannt Schörgen-Toni, die "Staudinger Alm- Hexe" Maria Santner aburteilt. Nach diesem fulminanten Auftakt nimmt der Skriptautor das Tempo erst einmal ein wenig zurück und stellt dem Hörer die sympathische Familie Hargreaves samt der herrischen Tante Marilyn vor, bevor er dann die dramaturgischen "Zügel" bei der Ankunft im Salzburger Lungau wieder anzieht. Ab diesem Punkt überschlagen sich die Ereignisse, welche den Hörer dann bis zum Ende in ihren Bann ziehen.
Daß Gruppe den Spannungsbogen über die knapp 68minütige Laufzeit konstant aufrechterhalten kann, liegt vor allem an der sehr gekonnten Art und Weise, wie er die vier Sagen mit seiner Geschichte verwoben hat. Jede wurde von ihm auf die Kernelemente reduziert (beispielsweise hat er die Anzahl der Wölfe von vier auf zwei verringert), und anstatt sie von einem der Protagonisten vortragen zu lassen, werden die jeweiligen Inhalte über Geistererscheinungen in das Geschehen integriert. Besonders dramatisch fällt dabei die Sage des unglücklich verliebten Siegmund aus, dessen Spukgestalt nicht einmal vor der kleinen Pamela haltmacht. Bedauerlicherweise ist das aber auch für mich der Punkt, an dem das Skript ein wenig schwächelt. Da die Spukerscheinungen bzw. Sagen mehr oder weniger gleichzeitig ablaufen, gerät das Veschwinden der Tochter zu sehr in den Hintergrund, und obwohl sich alle Beteiligten der Gefahr, in der die Kleine schwebt, bewusst sind, beschäftigen sich die Erwachsenen zunächst einmal nur mit sich selbst. Das erscheint mir mehr als unglaubwürdig, besonders im Hinblick darauf, daß Eltern normalerweise das Wohl ihrer Kinder über alles geht.
Dies ist aber auch schon der einzige Punkt, der mir in Bezug auf das Skript nicht so gefallen hat und der für andere womöglich gar nicht relevant ist. Die kleine "Scharte" macht Gruppe aber durch den Humor, mit dem etliche Sequenzen gewürzt sind, mehr als wett. Ich habe normalerweise so meine Probleme damit, wenn ein Autor Grusel und Witziges mischt, aber hier finde ich diese Kombination äußerst gelungen. Einige Male habe ich laut auflachen müssen, so zum Beispiel, als die betagte Tante Marilyn versucht, sich den aufdringlichen Avancen Sigmunds zu erwehren.
Übrigens, wenn man es ganz genau nimmt, hat Marc Gruppe nicht nur die vier bereits genannten, sondern noch eine fünfte Sage, nämlich die des "Zauberer Jackl" mit abgedeckt. Wer diese und andere österreichischen Sagen im Original nachlesen möchte, findet sie im Internet unter http://www.sagen.at/texte/sagen/oesterr ... lungau.htm.
Bereits in der schon erwähnten eindrucksvollen Eröffnungszene zeigen die Regisseure und Produzenten Stephan Bosenius und Marc Gruppe, wie gut sie es verstehen, eine unheimliche bzw. bedrückende Stimmung aufzubauen. Die Geräuschkulisse aus rasselnden Ketten der Gefangenen, deren im Hintergrund zu hörendes, geradezu mitleiderregendes Geschrei und Gejammer, verbunden mit dem unbarmherzig auftretenden Ankläger und den unterschwellig eingespielten dunklen Tönen, das alles schafft zusammen ein akustisches Bild des alten Schloßsaales, welches seinesgleichen sucht und wohl keinen Hörer unbeeindruckt lässt. Selbstverständlich sind auch die übrigen Handlungsorte mit der gleichen Sorgfalt in Szene gesetzt worden, und entsprechend hart fällt der Kontrast zwischen dem dunklen, zugigen Gemäuer, bei dem jedes gesprochene Wort wie in einer Gruft nachhallt, und der dagegen geradezu fröhlich wirkenden Außenwelt mit ihrem Vogelgezwitscher, dem murmelnden Bach und dem zarten Rascheln der Blätter im Wind auch aus.
Trotz der teilweise dramatischen Handlung, klingt der überwiegende Teil der Musik harmonisch, manchmal sogar lieblich. Das liegt vor allem an den eingesetzten Instrumenten, wie dem Klavier, den Geigen und vor allem der Flöte, welche bei der "Verführungsmelodie" den Ton angibt. Neben den Eigenkompositionen, ist auch ein durchaus bekanntes klassisches Stück zu hören, welches ich aber auf Grund mangelnder Kenntnis nicht benennen kann. Der Einsatz von Effekten bleibt, wie gewohnt, unaufdringlich. Alles, was innerhalb des Schlosses passiert, Gespräche, Schritte und sonstige Handlungen, wurde mit Hall versehen, und je weiter sich Tante Marilyn von den andern entfernt, desto leiser wird ihre Stimme eingespielt.

Zu den Sprechern:
Um eine Beziehung zu wiederkehrenden Figuren aufbauen zu können, ist es unumgänglich, daß deren Besetzung nicht verändert wird. Dem trägt Titania-Medien auch Rechnung, und die Familie Hargreaves wird einmal mehr von den Stammsprechern dargestellt. Stephanie Kellner(Alwyne Hargreaves) spielt die junge Frau und Mutter, welche immer wieder mal von außergewöhnlichen Erscheinungen heimgesucht wird. Benedikt Weber(Colin Hargreaves) ist der ihr treu ergebene Ehemann, der einfach nicht gegen die geballte "Frauenpower" in seiner Familie ankommt. Die beiden harmonieren sehr gut miteinander, so dass man während ihrer neckischen Kabbeleien mehr als einmal das Gefühl hat, es handele sich hier tatsächlich um ein Ehepaar. Clara Fischer(Pamela Hargreaves) ist inzwischen auch ein wenig älter geworden, und macht ihre Sache so gut, daß man ihr als Hörer sofort zu Hilfe eilen will, als sie von Siegmund bedrängt wird. Sprecherisches Highlight ist für mich diesmal aber Ursula Sieg(Tante Marilyn) als Colins fröhliche, aber sehr resolute ältere Verwandte, die Alwyne immer noch nicht akzeptiert und sich ihr gegenüber mehr als herablassend verhält. Ihre ständigen Sticheleien haben mich genauso amüsiert, wie ihre trockene Art bei der Begegnung mit dem lüsternen Siegmund. Das soll aber nicht heißen, daß Jean Paul Baeck(Schörgen-Toni) nicht auch sehr überzeugend ist, ganz im Gegenteil! Noch bevor der Name seiner Figur fällt, weiß der Hörer bereits, nur aufgrund seiner Betonung und des bösartigen Untertons in seiner Stimme, wer er ist. Nicht minder unheimlich fällt auch das Portrait des Leibhaftigen durch Jacques Breuer(Teufel) aus. Sein Hohngelächter klingt, als käme es direkt aus der Hölle, und selbst das harmloseste Wort hat bei ihm eine bedrohliche Note. Horst Naumann(Alter Moosheim) spielt den betagten, in seinen Konventionen gefangenen alten Mann, der zu spät begreift, was er angerichtet hat und daran letztlich zerbricht. Michael-Che Koch(Siegmund von Moosheim) macht viel Spaß als ungestümer junger Mann, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und bedingungslos zu seiner großen Liebe, der sanftmütig agierenden Sigrid Burkholder(Maria) steht. Burkholder scheint stimmlich überhaupt nicht zu altern, denn nach wie vor meint man, hier fast noch ein Mädchen zu hören.
So jung klingt Dagmar von Kurmin(Anna) in der Rolle ihrer Mutter natürlich nicht mehr, aber die Grande Dame der Hörspielsprecherinnen ist eine Idealbesetzung als ältere, freundliche Frau, die ihre Tochter von Herzen liebt. Den Part des betagten Jägers und hilfsbereiten Freundes von Siegmund spielt der unnachahmliche Bodo Primus(Egon). Daniela Bette(Maria Santner), als "Staudinger Alm-Hexe", setzt ihre schmeichelnde Stimme gekonnt ein, um die Männer zu betören. Matthias Lühn und Bert Stevens(feindliche Brüder) treten als Geschwister auf, die sich wegen einer Frau duellieren. Thomas Balou Martin, Lutz Reichert(Wilderer) agieren als Jagdfrevler, denen jedes Mittel recht ist, um der Justiz zu entgehen. Unbedingt erwähnenswert ist auch der Kurzauftritt von Marc Gruppe(Gerichtsdiener) als "Schörgen-Tonis" grunzender Scherge.

Fazit:
Fast perfekte Mischung aus Grusel, Spannung und Komik.

Das Hörspiel Gruselkabinett - 147 - Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni
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Keeper of the Monsters

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Re: Rezension: Gruselkabinett - 147 - Die Höllenfahrt des Schörgen-Toni

Beitrag von Ashitaka » Mo 06.05.2019, 19:11

Na sowas, ich dachte immer, die „Schörgen-Toni"-Geschichte hat sich H.G. Francis seinerzeit für „Der Pakt mit dem Teufel“ aus der Europa-Gruselserie ausgedacht.
Wieder was dazugelernt :roll: .

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