Rezension: Gruselkabinett - 153 - Bulemanns Haus

Neongrüne Riesenspinnen jagen Frankensteins Monster durch Draculas Schloß!
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Rezension: Gruselkabinett - 153 - Bulemanns Haus

Beitrag von MonsterAsyl » Fr 01.11.2019, 15:30

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Gruselkabinett - 153 - Bulemanns Haus

Zum Inhalt:
In Norddeutschland, hoch oben an der Küste, steht Bulemanns altes, verwittertes Haus, in das schon lange niemand mehr hinein oder hinaus geht. Doch wieso wurde es verlassen, und was ist mit seinem Besitzer geschehen...?

Zur Produktion:
Hans Theodor Woldsen Storm (14.09.1817-04.07.1888) ist eigentlich für seine Novellen und Prosa des deutschen Realismus bekannt, aber die meisten werden ihn mit den Erzählungen, die auch phantastische Elemente beinhalten, verbinden. Zu seinen beliebtesten Arbeiten zählen "Pole Poppenspäler"(1874), "Die Regentrude"(1862) und natürlich sein wahrscheinlich berühmtestes Werk "Der Schimmelreiter"(1888), welches Titania Medien bereits in Folge 98 der Reihe "Gruselkabinett" als Hörspiel adaptiert hat.
Während die vorgenannten Geschichten allesamt bereits mehrfach als Radioproduktionen erschienen sind, ist es, meines Wissens nach, das erste Mal, daß "Bulemanns Haus" werkgetreu vertont wurde. Bisher gab es lediglich "Die Nacht in der Wasserreihe"(1954) des niederdeutschen Autors Ludwig Hackerott, das aber lediglich lose auf der Novelle basiert. "Bulemanns Haus", erschienen 1862, wird zwar zu Storms Märchen gezählt, erfüllt meiner Meinung nach jedoch nur sehr bedingt die notwendigen bzw. vordefinierten Kriterien. Für mich handelt es sich hier vielmehr um eine Gruselgeschichte, nur sind die ja auch eine Art von "Märchen". Interessanterweise hat Storm ebenfalls ein Gedicht mit ähnlich lautendem Titel verfasst: "In Bulemanns Haus", das man im Internet unter der Adresse https://www.staff.uni-mainz.de/pommeren ... lehaus.htm. finden kann. Bedauerlicherweise ist nicht bekannt, ob dieses Gedicht vor oder nach der Novelle verfasst wurde, einige Quellen nennen jedoch das Jahr 1852. Inhaltlich gibt es allerdings wesentliche Unterschiede, die Gemeinsamkeiten beschränken sich auf den Handlungsort, Bulemanns altes, verfallenes Haus und die inzwischen dort wohnenden Mäuse. Für beide Texte diente Storm ein alter Kinderreim als Inspiration, der mit den Zeilen „In Bulemanns Haus / In Bulemanns Haus / Da schauen die Mäuse / Zum Fenster hinaus…“ beginnt. Diese Anfangszeilen zitiert der Verfasser dann auch wörtlich zu Beginn seiner Geschichte, die auf geradezu geniale Weise von Skriptautor Marc Gruppe für das Medium Hörspiel adaptiert worden ist. So hat er den überwiegenden Teil des Erzählparts in Spielszenen umgeschrieben, wodurch dieser nur noch selten zum Einsatz kommt. Damit erhöht er nicht nur wesentlich die Dynamik der Handlung, sondern macht das Ganze für den Hörer auch gefälliger und lebendiger. Gleiches gilt hinsichtlich verschiedener heutzutage veralteter Ausdrücke, die er behutsam modernisiert hat. So wird aus "derzeit" das heute gebräuchlichere "damals", statt "an ihn geschickt" heißt es hier "zu ihm geschickt". Wie sehr sich diese Änderungen auf das Verständnis auswirken können, sei anhand folgender Beispiele erläutert: "im Schwange ging" wird durch "im Umlauf" ersetzt, und die Katzen dürfen, statt zu "spinnen", wieder "schnurren". Ohne die Umformulierungen durch den Skriptautor, würden sich diese Begriffe heutzutage, wenn überhaupt, nur noch aus dem Kontext erschließen. Davon abgesehen, ist Storms Text nahezu unverändert geblieben. Gruppe hat nur ganz wenige Sätze gekürzt bzw. ergänzt, lediglich das Ende ist etwas zusammengestrichen worden. Diese Einsparungen sind jedoch nicht technischer Natur, denn das Hörspiel hat eine Laufzeit von ca. 58 Minuten, und somit wäre durchaus noch Platz auf der CD gewesen, sondern der Dramatik geschuldet, da auf diese Weise unnötige Längen vermieden werden. Wer sich selbst ein Bild von den Unterschieden zwischen Hörspieltext und Storms Novelle machen möchte, findet letztere im Internet unter https://gutenberg.spiegel.de/buch/bulemanns-haus-3462/1.
Wenn alles wie aus einem Guß klingt, so wie hier der Fall, und man es sich gar nicht anders vorstellen könnte, dann haben die Produzenten (Stephan Bosenius und Marc Gruppe) ganze Arbeit geleistet! Die ohnehin immer üppige Geräuschkulisse klingt hier noch voller als sonst, und jede Szene ist quasi mit Leben erfüllt. Dabei decken die unterschiedlichen Töne eine enorme Bandbreite ab. Von schreienden Möwen, Kirchturmglocke, Brandung, über das prasselnde Kaminfeuer, den im Gemäuer heulenden Wind, die knarrenden Schuhe oder den rasselnden Schlüsselbund, bis hin zu den unterschiedlichsten Katzenlauten, den piepsenden Mäusen und dem klassischen Ticken einer alten Standuhr, ist wirklich jede akustische "Kleinigkeit" bedacht und wirkungsvoll umgesetzt worden. Gleiches gilt auch für die immer stimmungsvolle Musik, die unter anderem mit Orgel, Geigen und weiteren Streichinstrumenten sowie Flöten bzw. Oboen und natürlich auch dem Synthesizer eingespielt worden ist. Dabei wechseln sich langezogene, düstere und bedrohlich wirkende Klänge mit harmonischen Melodien (ich meine einmal Anklänge an den "Zauberlehrling" gehört zu haben) ab. Darüber hinaus ertönt noch ein Choral und am Ende passenderweise ein schwermütiges Musikstück.

Zu den Sprechern:
Wie schon weiter oben erwähnt, kommt die heisere, jederzeit punktgenau Stimme von Peter Weis(Erzähler) wenig zum Einsatz, aber wenn er spricht, wirkt es auf mich so, als ob die anderen Sprecher mit ihren Texten seine Sätze noch unterstreichen. Dieses großartige Zusammenspiel ist unter anderem der sorgfältigen Regie von Stephan Bosenius und Marc Gruppe, zuzuschreiben. Sascha von Zambelly(Fremder) ist ausgezeichnet als Ortsunkundiger, der sich für Bulemanns Haus und dessen Geschichte interessiert. Ganz auf Augenhöhe ist auch Beate Gerlach(Alte), deren leicht krächzende Stimme ihrer Figur etwas Unheimliches verleiht. Bodo Primus(Wächter) intoniert den alten Nachtwächter mit einem geheimnisvollen Unterton in der rauen Stimme, und Eckart Dux(Organist Leberecht) spricht den freundlichen, auch mal schwermütig seufzenden Musiker mit viel Gefühl. Dirk Petrick(Junger Leberecht) kann als dessen jüngeres, leicht eingeschüchtertes Alter Ego auf ganzer Linie überzeugen, Thomas Balou Martin(Bulemanns Vater) hat einen recht kurzen, aber prägnanten Auftritt als hämisch lachender, finsterer Erzeuger der titelgebenden Figur, die von dem Sprecher-Urgestein Horst Naumann(Daniel Bulemann) kongenial intoniert wird. Naumann ist einfach toll als übellauniger, geradezu bösartiger Sklaventreiber, der Mensch und Tier gleichermaßen abfällig be- und misshandelt. Da bekommt man schon beinahe Mitleid mit seiner Wirtschafterin, gespielt von Hörspielegende Dagmar von Kurmin(Frau Anken). Ihr Portrait der alten Haushaltshilfe, die scheinbar jede Demütigung gleichgültig akzeptiert, aber in unbeobachteten Momenten ständig vor sich hin schimpft und dabei einen Hang zum Sadismus offenbart, ist wie immer beeindruckend, und es gibt nur wenige Sprecher, deren Spiel einen so mitreißen kann. Ebenfalls eindrucksvoll ist Claudia Urbschat-Mingues'(Christine) Darstellung der verzweifelten Halbschwester Bulemanns, deren Flehen und Schluchzen wohl jeden Hörer rühren dürfte. Christopher McMenemy(Christoph) in der Rolle ihres Sohnes, steht dem in Nichts nach, und seine Interpretation des kranken Jungen ist mehr als beachtlich. In weiteren Nebenrollen treten noch Martina Linn-Naumann(Tote Mutter) als gute Wünsche äußernder Geist und Michael Pan("Knecht Ruprecht") als verkleideter, angetrunkener Prahlhans auf.
Während das Kneipenpublikum keine Erwähnung findet, ist die Kindergruppe, bestehend aus Marlene Bosenius, Edward McMenemy, Freya McMenemy, James McMenemy und (erneut) Christopher McMenemy, welche den "Bulemann"-Reim singt und "Seelenverkäufer" schreit, im Booklet aufgeführt.

Fazit:
In allen Punkten überzeugende Hörspieladaption von Theodor Storms gleichnamiger Novelle.

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