Rezension: Gruselkabinett - 162 - Das gemiedene Haus

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MonsterAsyl
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Rezension: Gruselkabinett - 162 - Das gemiedene Haus

Beitrag von MonsterAsyl » Di 08.09.2020, 19:38

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Gruselkabinett - 162 - Das gemiedene Haus

Zum Inhalt:
In Providence, der Hauptstadt von Rhode Island, steht ein altes Haus, welches von den Bürgern der Stadt gemieden wird. Alle bisherigen Bewohner sind auf mysteriöse Weise darin gestorben, und man erzählt sich, daß dort unheimliche Dinge vorgehen. Aufgrund eines beängstigenden Erlebnisses in seiner Jugend, beschliesst Howard eines Tages, mit Hilfe seines Onkels Dr. Elihu Whipple, die Geschichte des Hauses zu erforschen und dem Spuk ein Ende zu bereiten.
Doch das Böse erwartet sie bereits...

Zur Produktion:
Wie so oft in seinem Leben, hatte der US-amerikanische Autor Howard Phillips Lovecraft (20.08.1890 - 15.03.1937) auch mit "The shunned House", so der englische Originaltitel, Pech. Hier in Bezug auf die Veröffentlichung der Geschichte, welche er innerhalb von nur 3 Tagen (vom 16-19.10.1924) verfasste. Zwar wurde sie bereits 1928 in einer Auflage von 250 Stück von der in Athol (Massachusetts) ansässigen "Recluse Press" gedruckt und hätte so auch sein erstes publiziertes Buch werden können, allerdings erfolgte keine Veröffentlichung. Der Allgemeinheit machte man das Werk erst mit der Oktober-Ausgabe des Magazins "Weird Tales" (Volume 30, Issue 4) im Jahre 1937, rund 7 Monate nach Lovecrafts Tod, also posthum, zugänglich. Dem deutschen Publikum blieb die Novelle freilich noch länger vorenthalten, denn erst 1973 erschien "Das gemiedene Haus" in dem Band "Stadt ohne Namen", verlegt vom Insel-Verlag, im Rahmen der Reihe "Bibliothek des Hauses Usher". Übrigens, das im Hörspiel erwähnte Gebäude gibt es wirklich und wurde von Lovecrafts Tante Lillian Clark, als Gesellschafterin von Mrs. H. C. Babbit, in den Jahren 1919/20 bewohnt. Das Haus, welches Lovecraft zu seiner Geschichte letztendlich inspirierte, stand jedoch in Elizabeth, New Jersey.
Fast 50 Jahre nach dem Erscheinen der deutschen Übersetzung, hat sich Titania Medien erfreulicherweise des Stoffes angenommen und sich an eine Vertonung herangewagt.
"Das gemiedene Haus" ist, nach den Gruselkabinettfolgen 24/25, 39, 44/45, 58, 66/67, 78, 90, 100, 114/115, 126, 138 & 150, bereits die dreizehnte Hörspieladaption einer Geschichte des bekannten Autors. Zurecht sind diese Folgen bei den Fans der Reihe besonders beliebt, denn nach wie vor gestaltet sich die Umsetzung von Lovecrafts Werk als äusserst schwierig. Lange Zeit galten seine Geschichten als unverfilmbar, und auch Hörspielmacher schreckten vor dieser Herausforderung oft zurück. Skriptautor Marc Gruppe stellte sich ja bereits recht oft der Problematik, und auch diesmal finde ich seine Version gut gelungen. Wer die Novelle gelesen hat, im englischen Original im Internet zu finden unter https://en.wikisource.org/wiki/The_Shunned_House, der weiß, daß sie aus der "Ich-Perspektive", also in der ersten Person Singular erzählt wird und sich, für Lovecraft typisch, mehrfach in endlosen Beschreibungen verliert. Erschwerend kommt noch hinzu, daß in der literarischen Vorlage keinerlei Dialoge vorhanden sind. Das bedeutet, es gibt gleich zwei Faktoren, die eine Adaption für das Medium Hörspiel eigentlich ausschließen. Damit das Ganze nicht als Hörbuch endet, bei dem nur ein Sprecher die Handlung erzählt, sah sich Marc Gruppe gezwungen, etliche Änderungen vorzunehmen, die letztlich dazu führen, daß es sich hier eher um eine Art "Nacherzählung" und nicht um eine wortwörtliche Umsetzung handelt. Zwar sind inhaltlich alle wichtigen Elemente vorhanden, aber die Form der Darbietung hat sich geändert. Die Geschichte des Hauses wird in Form eines Dialoges zwischen Howard und seinem Onkel präsentiert, wobei Gruppes Version viel gefälliger wirkt als Lovecrafts Original. Besonders deutlich zeigt sich das an der Stelle, wo es um die Kinder der Harris' und deren Geburtsdaten geht. Während es sich bei Lovecraft um eine reine, recht einfallslos dargebrachte Aufzählung handelt, ist es dem Skriptautor gelungen, diese Information wesentlich besser auszuformulieren und damit auch für den Hörer goutierbarer zu gestalten. Wohlweislich hat Gruppe nicht alle Details der Erzählung übernommen, so fehlt beispielsweise Dutees berufliche Laufbahn, und der Lehrer, welcher eigentlich Eleazar Durfee heißt, bleibt hier namenlos. Das stört allerdings überhaupt nicht, da auch so schon genug Namen und Daten präsentiert werden. Daß der Aberglaube bzw. die von Furcht gekennzeichneten Aussagen der verschiedenen Dienstboten nur einer Person zugeschrieben werden, ist für den Verlauf ebenso belanglos, wie die Tatsache, daß der Onkel bei Lovecraft 81 ist, während er bei Gruppe in seinen späten 80ern angesiedelt wurde. Es gibt aber auch einige Passagen, die neu dazugekommen sind. Das betrifft vor allem den Prolog, also die Erlebnisse des jungen Howard und seines Freundes David sowie das Element der später erwähnten riesigen Augen und den etwas ausführlicheren Epilog. Die Reihenfolge der Ereignisse ist ebenfalls ein wenig abgeändert, führt aber zu einem wesentlich strafferen Handlungsverlauf. Trotz der ziemlich langen Vorgeschichte, die in Lovecrafts Version sogar noch länger ausfällt, finde ich die Geschichte so spannend, daß mir die Hörzeit von ca. 70 Minuten wesentlich kürzer vorkam.
Die Produktion von Stephan Bosenius und Marc Gruppe ist wie immer als hervorragend zu bezeichnen. Das ganze Hörspiel über werden düster klingende Synthesizersounds eingespielt, die dafür sorgen, daß zu jeder Zeit eine unheimliche Atmosphäre herrscht. Lediglich bei den Vorbereitungen von Howard und seinem Onkel für die Nacht in dem berüchtigten Haus, hört man kurz eine etwas leichtere Weise, die mit klassischen Instrumenten, wie der Oboe und der Geige eingespielt wird. Etwas später gibt es dann eine treibende Melodie, die Howards unruhigen Schlaf begleitet, und gegen Ende erklingt erneut eine geradezu beklemmende Musik, die für den Epilog von einem versöhnlicheren Motiv abgelöst wird. Geräuschetechnisch bietet sich dem Hörer hier ein absolut dichter Soundteppich, der seinesgleichen sucht. Schritte auf dem Rasen unterscheiden sich deutlich von denen auf Stufen, jede quietschende bzw. knarrende Tür klingt anders, und selbst das schon obligatorische Käuzchenrufen unterscheidet sich von dem bisher gewohnten Klang. Akustisches Highlight ist für mich jedoch das Gewitter, welches mit Donner und Starkregen in Szene gesetzt wird.
Dabei wurde auch an die sich bildenden Pfützen gedacht, ein Sound, den ich so noch in keinem Hörspiel gehört habe. Was die Geräuschkulisse jedoch von den meisten anderen Produktionen abhebt, sind die vielen kleinen Töne, wie beispielsweise das Umblättern von Seiten, das Aufdrehen des Verschlusses der Whiskyflasche oder das von den Kellerwänden tropfende Wasser, bei dem man förmlich meint, die modrige Feuchtigkeit zu riechen. Es sind diese akustischen Details, die das Hörspiel zu einem Erlebnis machen. Damit der Hörer auch garantiert eine Gänsehaut bekommt, werden immer wieder verzweifelte Schreie oder leise flüsternde bzw. murmelnde Stimmen eingeblendet, und das Dröhnen unter dem Kellerboden lässt die Boxen geradezu erzittern. In diesem Hörspiel kommen auch etwas mehr Effekte zum Einsatz, welche aber nie zum reinen Selbstzweck werden. So sind die Stimmen innerhalb des leeren Hauses mit leichtem Hall hinterlegt, ein Kniff, welcher auch benutzt wird, um zu unterstreichen, daß man Personen in der Vergangenheit reden oder gar schreien hört. Besonders gelungen finde ich die Verfremdung von Howards Stimme, während er die Gasmaske trägt, denn genau so klingt das auch im richtigen Leben.

Zu den Sprechern:
Bene Gutjan(Howard), der auch als Erzähler fungiert, macht seine Sache sehr gut und trifft für jede Situation den richtigen Ton. Ob es sich um Verblüffung, Beunruhigung oder gar Schaudern handelt, jede Emotion wird von ihm auf den Punkt gebracht. Sprecherisches Highlight ist für mich aber eindeutig Jürgen Thormann(Dr. Elihu Whipple) als Howards Onkel. Seine markante, inzwischen leicht heisere Stimme ist perfekt für die Rolle des freundlichen, verständnisvollen Altertumsforschers, der das Rätsel um das gemiedene Haus mit seinem Neffen lösen möchte. Höhepunkt seiner Darbietung ist aber die Art und Weise, wie er den unruhigen Schlaf seiner Figur interpretiert. Eine solche Vorstellung sucht ihresgleichen. Tom Raczko(Junger Howard) spielt seinen Part des unsicheren, ein wenig ängstlichen Jugendlichen genauso souverän, wie Dirk Petrick(David) seinen gleichaltrigen Freund, der mutig, ja geradezu sorglos, das gefürchtete Haus betritt und es sich dabei nicht nehmen lässt, seinen Kameraden ein wenig zu verunsichern. Die übrigen zahlreichen Akteure haben nur relativ kurze Auftritte, und es ist Titania Medien hoch anzurechenen, daß man trotzdem auf Doppelbesetzungen verzichtet hat und jede Nebenrolle von einem anderen Sprecher vortragen lässt. Monika John(Alte Frau) ist einfach großartig als hämische Greisin, und ihr boshaftes Gelächter bleibt einem noch lange im Gedächtnis. Gleiches gilt für Ingeborg Kallweits(Rhoby Harris) hysterisches Lachen. Sie spielt die verängstigte Frau mit viel Gusto, und ihr hervorgestoßener Text unterstreicht den beginnenden Wahnsinn auf kongeniale Weise. Auch David Nathan(Preserved Smith) kann mit wenigen Sätzen vollends überzeugen. Seine Darstellung des beunruhigten Dieners, der das Haus nie wieder betreten will, unterscheidet sich dermaßen von seinem sonst üblichen Spiel, daß man ihn kaum wiedererkennt. Ebenso gut gefallen hat mir auch Ursula Wüsthof(Ann White) als giftig tratschende Hausangestellte, die ihre Rolle mit herrischem Unterton spricht. Patrick Bach(William Harris) intoniert den Sohn von Rhoby mit Entschlossenheit, und Dietmar Wunder(Jacques Roulet) brilliert mit seiner Interpretation des verzweifelten Hexers. Die ein wenig raue Stimme von Peter Weis(Richter) passt ebenso perfekt auf seinen Part als erbarmungsloser Gerichts-Vorsitzender, wie Horst Naumann(Lehrer) als unsicherer Pädagoge, der letztlich vollkommen durchdreht. Ihm gegenübergestellt ist Marc Gruppe(Arzt) als entsetzter Doktor, der Mühe hat, seinen geisteskranken Patienten abzuwehren. Bert Stevens(Fahrer) liefert eine ausgezeichnete Darstellung des mit Furcht erfüllten Chauffeurs, während Herma Koehn(Mercy Dexter) und Sigrid Burkholder(Phebe Harris) mich, aufgrund ihrer sehr kurz gehaltenen Autritte, akustisch nicht wirklich gefangennehmen konnten.

Fazit:
Wer die Geduld mitbringt, den zugegebenermaßen sehr ausführlichen Aufbau der Geschichte bis zum Zeitpunkt der "aktuellen" Ereignisse zu verfolgen, der wird letztlich mit einem überzeugenden Gruselerlebnis belohnt.

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