Rezension: Gruselkabinett - 164 - Die Toten vergeben nichts

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MonsterAsyl
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Rezension: Gruselkabinett - 164 - Die Toten vergeben nichts

Beitrag von MonsterAsyl » Fr 06.11.2020, 18:09

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Gruselkabinett - 164 - Die Toten vergeben nichts

Zum Inhalt:
Eigentlich wollte Cowboy James "Jim" A. Gordon bei dem einstigen schwarzen Leibeigenen Joel und seiner Frau Jezebel nur zu Abend essen. Doch dann beschließen die beiden Männer, nach der Mahlzeit noch ein wenig zu würfeln und dabei eine Flasche Schnaps zu leeren. Leider ist Fortuna Jim nicht gewogen, und es kommt zum Streit zwischen den Spielern. Die Auseinandersetzung eskaliert schließlich, und Jim erschießt erst Joel und danach dessen Ehefrau, die noch versucht, ihrem Mann zu helfen. Mit den letzten Atemzügen verflucht Jezebel den Cowboy, der fortan keine ruhige Minute mehr hat...

Zur Produktion:
Die dem Hörspiel zugrundeliegende Geschichte mit dem englischen Originaltitel "The Dead Remember" gehört zu dem wenig bekannten Western-Subgenre "Weird West Story" ("Unheimliche Westerngeschichte"), bei dem eine im Westen der USA spielende Erzählung mit einem anderen Genre, meist Horror, aber auch Okkultes oder Fantasy, vermischt wird.
Im Laufe seiner Karriere verfasste Autor Robert E. Howard (22.01.1906 - 11.06.1936) 11 solcher Stories, von denen bereits zwei ("Gruselkabinett - 52 - Die Tauben aus der Hölle" und "Gruselkabinett - 60 - Der Grabhügel") vom Label "Titania Medien" vertont wurden. Insgesamt gesehen ist es aber schon die neunte Hörspieldaption einer Kurzgeschichte des amerikanischen Schriftstellers für die Reihe "Gruselkabinett" (GK 52,60,63,70,77,86,116 & 137). So wie der Großteil seines Werkes, wurde auch diese Erzählung erst posthum veröffentlicht, in diesem Fall am 15 August 1936 (ca. 2 Monate nach seinem viel zu frühen Tod) im Magazin "Argosy Weekly", Volume 266, Number 4, erschienen bei der Frank A. Munsey Company.
Howard hat seine Kurzgeschichte quasi in zwei Teile gegliedert. Eröffnet wird sie mit einem Brief von James "Jim" A. Gordon an seinen Bruder Bill, in dem er ihm die Ereignisse schildert. Danach folgen dann diverse Stellungnahmen verschiedener Zeugen. Nach der Lektüre der Geschichte, zu finden im englischsprachigen Original im Internet unter http://gutenberg.net.au/ebooks13/1304501h.html, war ich gespannt, wie Skriptautor Marc Gruppe mit der Vorlage umgehen würde, und wieder einmal wurde ich angenehm überrascht.
Gruppe eröffnet das Hörspiel mit einer sehr dramatischen Szene, deren Bedeutung dem Hörer jedoch erst später klar wird. Danach folgt er der Vorlage Howards insofern, als daß auch er die "Briefform" beibehält, also den Hauptdarsteller und gleichzeitigen Erzähler das Schriftstück zunächst vorlesen lässt, um dann die zurückliegenden Ereignisse in Form von Spielszenen zu präsentieren. In diesem Zusammenhang muss ich auch unbedingt auf Gruppes Duktus hinweisen, denn im Gegensatz zu der für das heutige Publikum sehr umständlich formulierten Vorlage, klingt seine Fassung weitaus flüssiger und somit auch eleganter. Im Zuge dieser Bearbeitung hat er ebenfalls darauf geachtet, diverse (und zur Entstehungszeit der Geschichte durchaus übliche) Bezeichnungen der schwarzen Protagonisten entweder ganz zu streichen oder durch eine politisch korrekte Wortwahl zu ersetzen. So ist hier statt von "Nigras" von "schwarzen Brüdern" und statt vom "High-yeller Girl" von einer "Mulattin" die Rede.
Doch nicht nur die Sprache wurde den heutigen Hörgewohnheiten angepasst, auch inhaltlich gibt es kleine aber feine Unterschiede zu der Kurzgeschichte von Howard. Beispielsweise relativiert Gruppe das eigentlich durchweg negative Bild der Jezebel, indem er sie, anders als Howard, einen Satz über ihre Magie sagen lässt, der darauf hindeutet, daß sie nicht von Grund auf böse ist. Ausserdem wurde, im Zusammenhang mit Bills Hemd, Jims Verweis auf das letzte Weihnachtsfest gestrichen und dieser redet stattdessen von "vor Ewigkeiten". Das spielt aber für den Verlauf der Handlung keine Rolle und erfolgte vermutlich nur deshalb, weil der Zeitpunkt völlig egal ist und es auch ansonsten keinen Anlass gibt, hier Weihnachten zu erwähnen.
Überaus gelungen finde ich Gruppes Umgang mit den bei Howard einfach nur angehängten Stellungnahmen der Augenzeugen. Hier folgt nach dem Ende des Briefes eine Überblendung in einen Gerichtssaal, in dem dann die einzelnen Personen gehört werden. Um die Aussagen für den Hörer interessanter zu gestalten, hat Marc Gruppe es sich nicht nehmen lassen, auch sie größtenteils in Form von gespielten Szenen zu präsentieren. Diese fallen zwar teilweise etwas ausführlicher aus als in der Vorlage, aber dadurch wirken sie auch ungleich lebendiger und damit "realer".
Ich finde das Hörspiel extrem kurzweilig. Die ca. 46-minütige Spielzeit verging für mich wie im Flug, und die mehr als gelungene Präsentation der gruseligen Schlußpointe wird wohl auch vielen anderen Hörern einen wohligen Schauer über den Rücken jagen.
Wie eingangs schon erwähnt, handelt es sich hier ja um eine "Weird West Story", und ich finde, es ist den beiden Produzenten und Regisseuren Stephan Bosenius und Marc Gruppe bei diesem Hörspiel in besonderem Maße gelungen, dem Hörer die entsprechende Wild West-Atmosphäre zu präsentieren. Beeindruckenderweise schaffen sie dies allein mit Hilfe der sorgfältig durchgeplanten Geräuschkulisse, während die musikalische Untermalung ausschließlich zur Akzentuierung der jeweiligen Stimmung in den einzelnen Szenen dient. Exemplarisch seien hier der Viehtrieb am Savannah Creek und die Szene im Saloon genannt. Im Fluß (Creek) rauscht das schnell fließende Wasser, diverse Wildvögel rufen, Grillen zirpen, die Pferde wiehern bzw. schnauben, und über allem liegt das anhaltende Brüllen der Rinder. Dazu wird eine dramatische Melodie eingespielt, welche die angespannte Stimmung während der Flußüberquerung angemessen unterstreicht. Mindestens ebenso ausgefeilt fällt auch die akustische Gestaltung des Saloons aus. Inmitten des Stimmengewirrs rufen bzw. kreischen vereinzelt Frauen, Männer johlen, Gläser klirren, Getränke werden eingeschüttet, Stühle werden gerückt, teilweise umgeworfen, und im Hintergrund hört man den in jedem dieser Etablissements typischen Pianospieler eine ausgelassene Weise vor sich hinklimpern.
Was die Instrumente angeht, herrscht hier klar der Synthesizer vor, was aber sehr gut zum Geschehen passt. Insbesonders die treibenden, sich wiederholenden Töne werden so manchen Hörer an die Filmmusik eines John Carpenter denken lassen. Ebenso effektvoll ist auch der Einsatz des Chorals zum Höhepunkt und gleichzeitigen Abschluß des Geschehens, der musikalisch anschließend von einer wahren Kakophonie abgelöst wird. Der Einsatz von Effekten ist auf Hall beschränkt. Bei den Szenen, in denen Jezebel aus dem Jenseits spricht, klingt der Widerhall weit und offen, während er bei den Gerichtsaussagen nur angedeutet wird, um die Größe des Gebäudes klanglich darzustellen.

Zu den Sprechern:
David Nathan(James "Jim" A. Gordon), der hier auch als Erzähler fungiert, ist vollkommen glaubwürdig als entspannter, durchaus kerniger Cowboy, der eigentlich das Herz auf dem rechten Fleck hat und nur durch den Einfluß des Alkohols in eine auswegslose Situation gerät. Nathan spielt den schleichenden geistigen Verfall des robusten Viehtreibers mit so viel Feingefühl, daß man als Hörer gegen Ende gar nicht anders kann, als Mitleid mit seiner Figur zu haben. Bei der großen Anzahl hochkarätiger Sprechern in diesem Hörspiel, ist es nicht leicht, eine/n davon besonders herauszustellen, aber wenn es jemand verdient hat, dann Ingeborg Kallweit(Jezebel) in der Rolle von Joels in jeder Beziehung starken Gemahlin. Ob es die Szene in der Stadt ist, als sie zwar höflich in der Wortwahl, jedoch mit Verachtung in der Simme, den dortigen Klatschbasen entgegentritt, oder die, wo sie Jim in seinen Albträumen droht, ihr Spiel wirkt so ausdrucks- bzw. willensstark, daß man auch als Hörer einen geradezu höllischen Respekt vor ihr bekommt. Es ist nur passend, daß ihr der Titel des Hörspiels in den Mund gelegt wurde.
Ebenfalls beeindrucken können Bert Stevens'(Joel) Darstellung des zunächst jovialen, kumpelhaft auftretenden ehemaligen Sklaven, bei dem der Spaß jedoch in dem Moment endgültig vorbei ist, als seine Frau beleidigt wird, oder Patrick Bach(Joe Richards) in der Rolle des unbekümmerten, immer hilfsbereiten Cowboys. Dietmar Wunder(John Elston) liefert ein schlüssiges Portrait des "Trailführers", der alles und jeden im Blick hat, genau wie Peter Weis(R.J. Blaine) als gut gelaunter Vieheinkäufer. Die markante Stimme von Jürgen Thormann passt hervorragend zu seinem Part als brummiger, autoritätsgewohnter Richter, der bei der Befragung der Zeugen stets sachlich bleibt. Ebenso treffend besetzt ist die raue Stimme von Bodo Primus(Mike O'Donnell) als einfühlsamer Barkeeper, der versucht, Jim zu beschwichtigen. Lutz Reichert(Deputy Sam Grimes) intoniert den gutmütigen, dennoch ernstzunehmenden Hilfssheriff, der auf Jims Verhalten und Äußerungen ein wenig brüsk reagiert. Bene Gutjan(Tom Allison) spricht den jungen, leicht überheblichen Fahrer, der sein ungebührliches Verhalten gegenüber Jezebel sehr schnell korrigiert, und Horst Naumann(Dr.J.S.Ordley) ist einfach klasse als souveräner Leichenbeschauer. In weiteren Nebenrollen sind Herma Koehn(Klatschweib) und Monika John(Klatschweib) als tratschende, von den eigenen Vorurteilen eingeschüchterte Städterinnen zu hören, sowie Tom Raczko(Cowboy) und Dirk Petrick(Cowboy) als abergläubische, den Frauen in nichts nachstehende Lästermäuler.

Fazit:
Sich stetig steigernde Rachegeschichte in ungewohntem Ambiente.

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