Rezension: Gruselkabinett - 184 - Das Haar der Sklavin

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MonsterAsyl
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Rezension: Gruselkabinett - 184 - Das Haar der Sklavin

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Gruselkabinett - 184 - Das Haar der Sklavin

Zum Inhalt:
Der verarmte Weber Hassan möchte sich von seinem Vetter, der bei einem Pascha arbeitet, Geld leihen. Dort angekommen, überrascht er seinen Verwandten dabei, wie dieser sich heimlich eine wunderschöne Tote mit langem, goldglänzendem Haar ansieht. Als Hassan diese Haarpracht erblickt, verliebt er sich augenblicklich in sie. Für ihn steht fest, daß er die Haare um jeden Preis in seinen Besitz bringen muss...

Zur Produktion:
Das Label Titania Medien ist erfreulicherweise immer wieder bereit, innerhalb der Reihe "Gruselkabinett" auch neue Wege zu gehen und die Hörer mit unterschiedlichen Literaturgattungen als Grundlage für seine Hörspiele zu überraschen. Dazu zählt auch diese Folge, bei der erstmals ein Kunstmärchen, also eine märchenhafte Geschichte, die eindeutig einem Verfasser bzw. Schriftsteller zugeordnet werden kann, als Quelle dient. Über die deutsche Autorin Bertha Antoinette Henriette Meyer (31.08.1822 - 14.06.1856) ist nicht viel bekannt. Ihr Vater Justus Hinrich Meyer war ein damals bekannter, wohlhabender Fabrikbesitzer, der aber nach einem schweren Hochwasser und einem Blitzeinschlag Land und Fabrik verlor. Später ging er dann nach Lissabon, wo er 1842 verstarb. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, war Bertha Meyer danach für drei Jahre in England als Erzieherin tätig. Nachdem sie 1853 noch eine Rheinreise unternommen hatte, erblindete sie ein Jahr später und starb 1856 kurz vor ihrem 36. Geburtstag. Als Bertha Werder schrieb sie drei Romane, diverse Aufsätze und Gedichte und war auch als Übersetzerin (Deutsch/Englisch und Englisch/Deutsch) tätig. Wann genau die hier zu Grunde liegende Geschichte "Das Haar der Sklavin" erstmals veröffentlicht wurde, lässt sich nicht mehr sagen. Jedenfalls ist sie Teil der Anthologie "Grüne Wälder: ein Buch zur Unterhaltung und Belehrung für alle Stände (Zürich, Verlag von Jakob Senn 1861)", welches erst fünf Jahre nach ihrem Tod in den Buchhandel kam.
Apropos posthum: An dieser Stelle möchte ich dem großartigen Schauspieler, Synchron- und Hörspielsprecher Peter Weis (16.04.1938 - 05.05.2023) gedenken, denn er war es, der Titania Medien dieses Märchen ursprünglich zur Vertonung vorgeschlug. Anscheinend hat er die Geschichte bereits früher seiner Familie vorgelesen, und da ist es natürlich mehr als passend, daß er auch den Erzähler gibt. Tragischerweise kam ausgerechnet er nun nicht mehr in den Genuss, das Ergebnis zu hören, da das Hörspiel erst am 26.05.2023 erschien. Ich werde seine ausdrucksstarke Stimme vermissen und bin mir sicher, er wäre mit der vorliegenden Hörspielversion äußerst zufrieden.
Da sich ein derart in die Jahre gekommener Text doch deutlich von der heutigen Wortwahl und dem Duktus unterscheidet, hat Skriptautor Marc Gruppe die literarische Vorlage behutsam überarbeitet. So entspricht die Satzstellung dem aktuellen grammatikalischen Standard, und etliche aus der Mode gekommene Adjektive, wie z.B. "leisgewellt", wurden entweder mit moderneren Begriffen ersetzt oder ganz weggelassen. Stichwort "weggelassen": Interessanterweise hat Gruppe alle Textpassagen gestrichen, die das Verhalten der Protagonisten erklären bzw. entschuldigen könnten. Bei Werder fährt ein kleines "Teufelchen" in Hassan, das erst die Gier nach dem Haar weckt, später ist es dann ein "Mückchen", welches Hassan beweist, daß seine Frau gelauscht hat.
Auch wenn ich kein Freund von Kürzungen bin, so finde ich doch, daß diese "Reduzierung" auf die "Haarbesitzerin" und den Weber, sowie die Straffungen bei den "romantischen" Beschreibungen, für einen flüssigeren Ablauf sorgen. Gleichzeitig rückt so auch das "Gruselelement" in den Fokus bzw. wird verstärkt. Daß Marc Gruppe einen Satz wie "...gutes Weibchen gewesen, und daß zu einem guten Weibchen ein Theilchen Neugierde gehört." aus verständlichen Gründen unter den Tisch fallen lässt, ist mehr als nachvollziehbar. Warum jedoch Hassan vor Antritt der weiten Reise seiner Frau hier nur einen Gruß, nicht wie bei Werder den Gruß UND das Geld zukommen lässt, finde ich allerdings ein wenig befremdlich.
Neu hinzugekommen ist lediglich das Wort "geschändet", im Zusammenhang mit dem Schicksal der Toten, und der Ausspruch: "Schenke mir Geduld Allah!"
Ersteres verstärkt für den Hörer nochmals das schlimme Los der jungen Sklavin, während der Satz dem Geschehen weitere Authentizität verleiht.
Mir hat diese Bearbeitung von Marc Gruppe jedenfalls so gut gefallen, daß mir die Laufzeit von knapp 48 Minuten wesentlich kürzer vorkam.
Ebenso überzeugend wie das Skript, fällt auch Produktion und Regie von Stephan Bosenius und Marc Gruppe aus.
Für die musikalische Untermalung greifen beide sowohl auf klassische westliche Instrumente wie die Geige, als auch auf orientalische Instrumente wie z.B. Ney und Zurna zurück, wobei gerade letztere für Europäer als DAS morgenländische Instrument überhaupt gilt. Genauso abwechslungsreich wie die Musikinstrumente fallen auch die einzelnen Melodien aus. Auf dem Basar dominieren schrille orientalische Pfeifen, anschließend folgen düstere, bedrohlich klingende Synthesizersounds, und bei Einbruch der Nacht kommt ein Choral zu Gehör. Mal sind die Weisen traurig und klagend, dann wieder fröhlich und munter. Insbesondere gegen Ende des Hörspiels, als Hassan und seine Frau wieder auf dem Basar sind, wird ein wunderbarer Frauenchor eingespielt, und ganz zum Schluß erklingt noch eine episch wirkende orchestrale Melodie.
Der bereits erwähnte Basar ist auch bei den Geräuschen ein wahres Fest fürs Ohr. Das Marktgeschrei der Händler, die umherwuselnden Kunden und die exotischen Reittiere sorgen umgehend dafür, daß sich auch der Hörer an diesem Ort wähnt. Ansonsten sind abends diverse Nachtvögel zu hören, während die Ankunft des Tscherkessenhauptmanns natürlich von galoppierenden Hufen begleitet wird. Zur unheimlichen Stimmung tragen dann noch die knarrenden Dielen und der heulende Wind bei.
Was die Effekte angeht, kommt der meiner Meinung nach beeindruckendste direkt zu Beginn des Hörspiels. Die bereits beschriebenen Marktgeräusche sind nämlich zunächst nur ganz entfernt zu hören und werden dann immer lauter, bis sich das akustische Gefühl einstellt, "angekommen" und mitten im Geschehen zu sein. Ansonsten wird bei Essica erst leichter Hall eingesetzt, um ihr sphärisches Wesen zu unterstreichen. Gegen Ende wird der Hall dann langgezogen, um den Übertritt in die Ewigkeit zu verdeutlichen.

Zu den Sprechern:
Wie schon weiter oben geschrieben, ist Peter Weis(Erzähler) hier, sofern überhaupt möglich, noch besser als sonst. Er spricht den Text nicht, er lebt ihn geradezu. Jedes Wort ist genau betont, und sein Vortrag jederzeit voller Emotionen. Da Hörspiele ja bereits vorproduziert werden, haben wir als Hörer erfreulicherweise noch ein paar Gelegenheiten (zB. bei den Grimms Märchen bis zur Folge 17), seiner wunderbaren Stimme zu lauschen.
Patrick Bach, der Sprecher des Hauptcharakters Hassan, ist einfach klasse als leidenschaftlicher Weber, der in dem goldglänzenden Haar einfach das Schönste aller möglichen Materialien sieht. Besonders beeindruckend ist Bachs Spiel, als er realisiert, welche Auswirkungen seine Handlungen haben und ihm angst und bange wird. Gleiches gilt für Jean Paul Baeck(Hassans Vetter), der vor Begeisterung über die Schönheit der Toten geradezu juchzt, bevor ihm klar wird, in welche Situation er sich mit Hassan als Zeuge gebracht hat. Die schöne Stimme von Antje von der Ahe(Hassans Ehefrau) passt perfekt zu ihrer Rolle als sorgenvolle Gattin, die sich über das seltsame Verhalten ihre Mannes immer mehr wundert und schließlich vor Furcht zittert.
Sprecherisches Highlight ist für mich aber Eva Michaelis(Essica), auch wenn Sie eigentlich nicht viel Text hat und diesen nur flüstert oder haucht. Ihr wimmerndes Flehen und die Eindringlichkeit, mit der Sie jedes Wort betont, sind einfach herzergreifend und sorgen für so manchen Schauer beim Hörer.
Noch weniger Text hat Ursula Wüsthof(Alte Sklavin), die, dem Anlass angemessen, tragend spricht und zur Eile mahnt. Christian Stark(Tscherkessenhauptmann) gibt seine Figur mit harter, befehlsgewohnter Stimme, die erst dann weicher wird, als er sich in Essica verliebt. Ein ganz wunderbares Spiel liefern auch Gerlinde Dillge(Essicas Mutter) und Manfred Liptow(Essicas Vater). Dillge ist die weise, liebevolle Mutter und Liptow das jagdbegeisterte Familienoberhaupt, welches erst ganz gerührt ist, nur um anschließend wütend zu fluchen. Unbedingt erwähnt werden muss noch Marc Gruppe(Basarbesucher) als abwechselnd begeisterter und wütender Marktbesucher.

Fazit:
Feines und durchaus ungewöhnliches Gruselmärchen.

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