Rezension: Sherlock Holmes - 36 - Das unheimliche Pfarrhaus

Sherlock Holmes, Jerry Cotton - Kommissare und Detektive ermitteln Psychopaten im Ohr.
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MonsterAsyl
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Rezension: Sherlock Holmes - 36 - Das unheimliche Pfarrhaus

Beitrag von MonsterAsyl » Mo 05.11.2018, 19:03

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Sherlock Holmes - 36 - Das unheimliche Pfarrhaus

Zum Inhalt:
Sherlock Holmes und sein Freund Dr. Watson flüchten vor Mrs. Hudsons angekündigtem Frühjahrsputz in das beschauliche Dörfchen St. Porodoc an der Küste der Grafschaft Cornwall. Dort wollen sie sich eigentlich beim Golfspielen entspannen, aber als sie vom örtlichen Vicar Greycourt erfahren, daß es in seinem Pfarrhaus neuerdings spukt, wird der Meisterdetektiv sofort hellhörig.

Zur Produktion:
Nachdem Titania-Medien in der vorangegangenen Folge "Der Hund der Baskervilles" (Sherlock Holmes 35), den wohl bekanntesten Sherlock Holmes-Roman aus der Feder Sir Arthur Conan Doyles vertont hat, führt Skriptautor Marc Gruppe nun seine Adaptionen der "Ronald Standish"-Stories von Herman Cyril McNeile (28.09.1888 - 14.08.1937) fort. "The Haunted Rectory", so der englischsprachige Originaltitel, erschien erstmals 1931 in der Februar-Ausgabe des "The Strand Magazine". Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, in den 1920er und 1930er Jahren, war McNeile der bestbezahlteste Kurzgeschichtenschreiber der Welt, und der "Daily Mirror" schätzte sein solchermaßen erworbenes Einkommen auf insgesammt 85.000 GBP.
Wie ich schon in meiner Rezension zur ersten Vertonung eines "Ronald Standish"-Abenteuers (Sherlock Holmes - 34 - Die quietschende Tür) angemerkt habe, eignen sich diese Geschichten wirklich perfekt dazu, in Abenteuer von Sherlock Holmes umgeschrieben zu werden. Die Figuren und der Handlungsaufbau sind sich derart ähnlich, daß man meinen könnte, es genüge bereits, lediglich die Namen auszutauschen, um das gewünschte Resultat zu erzielen.
Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht. Entsprechend hat Marc Gruppe ein komplett neues Intro verfasst, um die Reise der beiden Protagonisten zu begründen. Sein Ausgangspunkt, der angedrohte Frühjahrsputz, könnte von Doyle selbst stammen und bietet Gelegenheit für einen humorvollen Einstieg in das Abenteuer. Im weiteren Verlauf folgt Gruppe McNeiles Geschichte beinahe Punkt für Punkt und fügt nur wenige Dialoge hinzu. Einer davon will mir allerdings so gar nicht gefallen! Es handelt sich dabei um das Gespräch zwischen Holmes und Watson während ihres Golfspiels, in dem sich die beiden dazu beglückwünschen, einen so elitären Sport ausüben zu können, den sie aber sofort aufgäben, wenn auch das "gemeine Volk" auf den Platz käme.
Schon die Prämisse, daß der Meisterdetektiv überhaupt begeistert einer so "nutzlosen" Tätigkeit frönen würde, fällt mir schwer zu akzeptieren. Zwar spielt Golf für die Handlung eine große Rolle, aber ich persönlich hätte Holmes & Watson lediglich Interesse daran bekunden lassen, indem sie vielleicht während eines Spaziergangs an dem Platz vorbeigekommen wären. Darüber hinaus passen solche abwertenden Bemerkungen einfach nicht zu den beiden Freunden, die doch immer ein großes Herz für ihre Klienten haben, unabhängig davon, welchem gesellschaftlichen Stand diese angehören.
Damit erschöpft sich aber auch meine Kritik am Hörspielskript, denn ansonsten finde ich die fast 69 Minuten dauernde Umsetzung sehr gelungen.
Soweit es möglich ist, hat Gruppe McNeiles Text in Spielszenen verwandelt, was einen reibungslosen, unterhaltsamen Verlauf garantiert, und zudem Watsons Einsatz als Erzähler auf ein Minimum beschränkt. Wenn man die englischsprachige Originalversion, im Internet unter http://gutenberg.net.au/ebooks06/0607761.txt zu finden, mit dem Hörspielskript vergleicht, fällt einem vor allem auf, wieviel pointierter und sorgfältiger formuliert die Dialoge hier ausfallen. Die leichten Variationen im Ablauf sind inhaltlich unerheblich, lassen das Geschehen jedoch flüssiger wirken als bei McNeile. Was die Handlung an sich angeht, werden die geübten "Kriminalisten" unter den Hörern schnell ahnen, in welche Richtung sich die Geschichte entwickelt und wer als Täter in Frage kommt. Das finde ich allerdings nicht störend, denn wie so oft ist der Weg das Ziel. Es macht einfach Spaß, dem Detektiv bei seinen Ermittlungen zu folgen und, genau wie Watson, darüber zu rätseln, welche Schlüsse er wohl daraus ziehen könnte.
Wie für die Serie üblich, eröffnen die Produzenten und Regisseure Stephan Bosenius und Marc Gruppe das Hörspiel mit der bekannten, wohlklingenden Titelmelodie. Schon wenn diese Musik ertönt, fühle ich mich ganz in die viktorianische Zeit versetzt, was, neben der Melodie, vor allem an den damals üblichen und auch hier eingesetzten Instrumenten Klavier und Geige liegt. Apropos Geige, im Laufe des Hörspiels gibt es eine Sequenz, in der lediglich Geigensaiten gezupft werden, eine kleine, aber feine Hommage an Basil Rathbones berühmte Darstellung des Sherlock Holmes. Unheimliche bzw. bedrohliche Szenen werden zwar hauptsächlich mit Hilfe von dunklen Synthesizer-Sounds untermalt, aber es ist der unerwartete Einsatz des Glockenspiels, der mich am meisten beeindruckt hat.
Daß Bosenius und Gruppe Meister ihres Fachs sind, wird spätestens mit der akustischen Darstellung des Handlungsortes, einer Steilküste in Cornwall, deutlich. Der Wind pfeift bedrohlich, die Möwen schreien ununterbrochen, und die Wellen brechen sich an den Klippen. Wer schon einmal an der Küste war, weiß, wie laut die Umgebungsgeräusche dort sind. Umso bewundernswerter finde ich, wie es den beiden gelingt, diese Soundkulisse einerseits so zu gestalten daß sie glaubwürdig klingt, andererseits aber auch darauf zu achten, daß die Dialoge trotzdem gut verständlich bleiben. Highlight ist für mich aber ein kleiner, eigentlich eher unscheinbarer Effekt, mit dem der Eindruck erzeugt wird, man befände sich tatsächlich auf der Galerie des Pfarrhauses und jemand riefe von unten hinauf. Wie die beiden diesen Kniff hinbekommen haben, konnte ich trotz mehrmaligem Nachhören nicht herausfinden, aber auf jeden Fall spielen der leichte Hall und die Einspiellautstärke eine wesentliche Rolle.

Zu den Sprechern:
Joachim Tennstedt(Sherlock Holmes) und Detlef Bierstedt(Dr. Watson) agieren gut aufgelegt und haben erkennbar Spaß an ihrem Text. Besonders die Eröffnungszene, in der man Bierstedt förmlich erbleichen hört, als ihm Tennstedt von Mrs Hudsons Plänen und dem angedrohten Erscheinen ihrer Unterstützung durch Kusine "Margery Mapleton" erzählt, ist hervorragend gelungen. Das gilt auch für die Sequenz, in der sich Holmes den Knöchel "verstaucht", ein Trick, den der Meisterdetektiv schon so oft angewendet hat, daß ihn selbst der Hörer gleich durchschaut, während der immer besorgte Doktor noch an eine echte Verletzung glaubt. Kein Wunder, daß der Meisterdetektiv darüber ein wenig die Contenance verliert und seinen Freund zur Eile drängt.
Hans Bayer(Mr. Maxwell) spielt den stets gutgelaunten, kulanten Marineoffizier im Ruhestand, der die beiden mit Horst Naumann(Vicar Greycourt), dem betagten Pfarrer bekanntmacht.
Naumann ist einfach großartig in seiner Darstellung des Geistlichen, der sich die unheimlichen Vorgänge in seinem Pfarrhaus nicht erklären kann.
Ebenso überzeugend ist auch Jonas Baeck(Maguire) als junger, aufgrund seiner Begegnungen mit dem Übernatürlichen vollkommen verunsicherter Hilfspriester. Der Auftritt von Marc Gruppe(Cousin) als dessen Vetter, beschränkt sich auf ein kurzes Kommando, und man muss schon genau hinhören, um ihn nicht zu verpassen.
Ähnlich klein sind auch die Rollen von Johannes Raspe(Ober), dem die Bestellung bestätigenden Kellner und Jean Paul Baeck(Kurier) als überraschter Bote.
Für ein wenig Humor sorgt Lutz Reichert(Inspektor Lestrade) mit seiner Darstellung des stoischen Polizeibeamten, den Holmes' Wünsche und Aktionen schon längst nicht mehr aus der Fassung bringen können.

Fazit:
Überaus gelungene Mischung aus Kriminalfall und Spukgeschichte.

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