Rezension: Sherlock Holmes - 41 - Mayerling

Sherlock Holmes, Jerry Cotton - Kommissare und Detektive ermitteln Psychopaten im Ohr.
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MonsterAsyl
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Rezension: Sherlock Holmes - 41 - Mayerling

Beitrag von MonsterAsyl » Mi 12.02.2020, 15:15

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Sherlock Holmes - 41 - Mayerling

Zum Inhalt:
Auch ein Meisterdetektiv braucht mal eine Pause, und so lädt Sherlock Holmes Ende des Jahres 1888 seinen guten Freund und Chronisten Dr. Watson ein, mit ihm nach Wien zu fahren, um Richard Wagners "Der Ring der Nibelungen" zu genießen. Als die beiden, dort angekommen, abends die erste Vorstellung in der Wiener Hofoper besuchen, treffen sie auf die Baronin Vetsera, die Holmes bereits 1882 anlässlich einer Jagdgesellschaft kennen gelernt hatte. Deren Tochter Mary fühlt sich unnatürlich oft unwohl und sieht sich nicht in der Lage, den Aufführungen beizuwohnen. Zurück in ihrem Hotel, werden Holmes und Watson zufällig Zeugen eines Gesprächs zwischen eben dieser Mary und der Gräfin Marie Louise von Larisch-Wallersee, der Nichte der Kaiserin Elisabeth. Darin geht es um finanzielle Angelegenheiten und damit verbundene "Gefälligkeiten", welche sofort die Neugier des Detektivs wecken.

Zur Produktion:
Bei der Folge "Mayerling" handelt es sich um ein in jeder Beziehung außergewöhliches Hörspiel. Einerseits, weil es seit der 9. Folge ("Die Elfen von Cottingley") das erste Hörspielskript ist, welches komplett aus der Feder von Marc Gruppe stammt, zum anderen wegen des ganz besonderen Sujets.
Wie andernorts bekannt wurde, verdanken wir es nur Stephan Bosenius, daß Gruppe die Thematik zu einem Sherlock Holmes-Hörspiel verarbeitet hat.
Er beschäftigt sich bereits seit längerem intensiv mit dem Wien der Kaiserzeit, und sein Hintergrundwissen diesbezüglich kann meiner Meinung nach so manchem Geschichtswissenschaftler das Wasser reichen. Es ist einfach unglaublich, wie detailgetreu und genau Gruppe hier gearbeitet hat.
Adressen, Ereignisse und beinahe alle Charaktere wurden akribisch recherchiert und beruhen auf Fakten bzw. historischen Figuren.
Wer Zeit und Muße hat, dem empfehle ich unbedingt, einmal selbst die überaus interessante Geschichte des "Demel" oder der Hofoper nachzulesen, um ein Gefühl für den hier gebotenen Detailreichtum zu bekommen.
Apropos Akteure: da der Skriptautor nicht voraussetzen kann, daß sich die Hörer genauso gut mit dem damaligen Hoftstaat auskennen wie er, wurden die wichtigsten Figuren im Booklet vorgestellt. Es ist meines Wissens nach das erste Mal, daß Titania diese Möglichkeit nutzt, um dem CD-Käufer noch einen zusätzlichen Mehrwert zu bieten.
Besonders beeindruckend finde ich das darin abgebildete Photo, welches Marie Louise von Larisch-Wallersee zusammen mit Marie Vetsera zeigt und auf das auch im Hörspiel explizit Bezug genommen wird. Das verleiht der Handlung zusätzliche Glaubwürdigkeit, und die Stimmen der beiden Frauen erhalten darüber hinaus auch ein Gesicht.
Gerade weil Gruppe hier so viel Sorgfalt in die Hintergrundinformationen fließen ließ, überrascht es ein wenig, daß sich trotzdem ein kleiner (eigentlich vernachlässigenswerter) Fehler einschleichen konnte. Der im Booklet angeführte Ludwig Friedrich Herzog in Bayern hieß nämlich eigentlich Ludwig Wilhelm Herzog in Bayern. Dieser kleine Fauxpas ist für die Handlung unerheblich und schmälert auch den Gesamtwert der im Booklet aufgeführten Informationen in keinster Weise. Ich würde mir jedenfalls wünschen, daß auch zukünftige Veröffentlichungen häufiger solches Zusatzwissen beinhalten.
Da das Ganze in Wien spielt, verwendet Gruppe natürlich auch ein paar lokale Ausdrücke und benennt Örtlichkeiten, die vielen vielleicht nicht so geläufig sind, deren Bedeutung sich aber aus dem Zusammenhang leicht erschließen lässt. Dazu zählt beispielsweise der "Fiaker", der "Demel", oder auch der "Biedermeier Tee".
Daß sämtliche Briefe zunächst von Dritten angefangen, dann aber per Überblendung von ihrern "Verfassern" weitergelesen werden, gefällt mir hier sehr gut, denn auf diese Weise haben die Sprecherinnen und Sprecher noch einmal die Gelegenheit, ihr ganzes Können zu zeigen und die unterschiedlichsten Emotionen in ihren Vortrag zu legen. Da sich Marc Gruppe viel Zeit für seine Geschichte nimmt - Disc 1 läuft knapp 80 Minuten und Disc 2 ca. 78 Minuten - hat man als Hörer ausreichend Gelegenheit, die einzelnen Figuren kennen und schätzen zu lernen.
Das macht sich vor allem bei Kaiserin Elisabeth bemerkbar, die von Daniela Bette kongenial gesprochen wird, gilt aber vielleicht sogar noch mehr für die Figur von Mary Vetsera und deren Schicksal. Insbesondere die detailliert beschriebene "Wiederherstellung" ihres Aussehens hat mich doch arg mitgenommen und gibt dem Hörspiel einen unerwarteten Gruselfaktor. Übrigens ist die anschließende Kutschenfahrt auch die einzige wirkliche Freiheit, die sich Gruppe erlaubt hat. Im wirklichen Leben waren es natürlich nicht Holmes und Watson, sondern der Bruder und der Schwager von Helene Vetsera, welche diese undankbare Aufgabe übernommen haben.
Zum Ende des Hörspiels erfolgt dann noch eine, wie ich finde, sehr gelungene Einordnung der soeben gehörten Ereignisse.
Daß Marc Gruppe die eigentliche Tat erst zuletzt, vollkommen unkommentiert und nur mit Hilfe von ein paar Geräuschen darstellt, zeugt von seinem Respekt gegenüber der Thematik. Schließlich hätte er auch der Versuchung erliegen können, die ganze Angelegenheit als reißerischen Kriminalfall zu inszenieren.
Daß dies aber gar nicht nötig ist, zeigt sich daran, wie kurzweilig und durch die vielen Fakten auch hochinteressant das Geschehen geschildert wird.
Wer nun das Bedürfniss hat, sein Wissen bezüglich des historischen Hintergrundes zu erweitern, findet eine ausführliche, wenn auch sehr nüchtern geschriebene Darstellung der Ereignisse im Internet unter https://web.archive.org/web/20100828082 ... tion2.html.
Daß man als Hörer das Gefühl hat, Holmes und Watson quasi "live" zu begleiten, liegt, neben dem ausgefeilten Skript, auch an der Produktion durch Stephan Bosenius und Marc Gruppe. Sämtliche Melodien, unter anderem der berühmte Donauwalzer "An der schönen blauen Donau" von Johann Strauss und Teile von "Rheingold" aus der Oper von Richard Wagner, sind mit zeittypischen Instrumenten eingespielt worden. Wie schon in der Titelmelodie, herrschen hier vor allem Streichinstrumente, das Klavier und Trommeln vor, und wenn der Meisterdetektiv und sein Chronist die Hofoper besuchen, bekommt man, neben den genannten Musikinstrumenten, auch eher unübliche, wie die Harfe zu hören. Besonders gelungen finde ich in diesem Zusammenhang die Präsentation des Orchesters beim Stimmen der Instrumente, da es dieser Moment ist, der bei Opernliebhabern bereits für die erste Vorfreude sorgt.
Der Handlung entsprechend, hat die Mehrheit der Stücke einen düsteren, ja geradezu bedrohlichen Unterton, welcher sich im Laufe der Zeit in punkto Dramatik immer weiter steigert. Auf mich wirkt der gesamte Aufbau des Scores allein schon deswegen wie der Soundtrack zu einem (Hör-)Film.
Wie eindringlich die Musik das Geschehen unterstreicht, wird beispielsweise in der Szene vor der Kirche deutlich, bei der die eingespielte Melodie jedem Wort zusätzliches Gewicht verleiht.
Neben der stets passenden Musik, ist es vor allem die Fülle an unterschiedlichen Geräuschen, welche das Klangbild positiv abrunden. So hört sich eine Tür im "Demel" ganz anders an als eine Hoteltür, und die knirschenden Schritte im Schnee des winterlichen Wiens unterscheiden sich stark von den Schrittgeräuschen im Hotel. Geradezu genial finde ich auch die akustische Darstellung der Hofoper mit dem bereits erwähnten Stimmen der Instrumente und dem Gemurmel bzw. Applaus des anwesenden Publikums. Selbst der damals aufgrund unzureichender Abdichtung überall heulende Wind unterscheidet sich je nach Lokalität.
So rauscht der Lufzug auf dem Hotelflur ganz anders als der im "Demel". Überhaupt bin ich immer wieder fasziniert, wie detailgetreu eine Szene allein durch die Geräuschkulisse aufgebaut wird. Sherlock Holmes pafft nicht einfach plötzlich an seiner Pfeife, sondern man hört wie diese zuvor erst mal gestopft und dann mit einem Streichholz entzündet wird. Zeitungsrascheln, Geschirrgeklapper, knisterndes Kaminfeuer, unterschiedlich tickende Standuhren und Schlüsselgeklimper sind nur einige Töne, welche die Innenräume erfüllen, während die Außenwelt unter anderem mit vorbeifahrenden Kutschen, wiehernden Pferden und krächzenden Raben dargestellt wird.
Wie von Titania gewohnt, setzt man Effekte eher unterschwellig ein. Stimmen, welche durch eine Tür bzw. auf dem Hotelflur hörbar sind, klingen dumpf, und von draußen dringt, beinahe unmerklich, Straßenlärm ans Ohr.

Zu den Sprechern:
Joachim Tennstedt(Sherlock Holmes) und Detlef Bierstedt(Dr. Watson) haben einmal mehr hörbaren Spaß an ihren Rollen.
Der Meisterdetektiv kann es sich zwar nicht verkneifen, seinen etwas übergewichtigen Freund mit dem Ausdruck "schlachtreif" zu bedenken, ist aber im Gegenzug bereit, diesem den Aufenthalt in Wien mit allen anfallenden Kosten zu finanzieren. Da es hier für ihn nicht viel zu ermitteln gibt, fachsimpelt er stattdessen mit Watson auch mal über Sachertorten. Am beeindruckensten finde ich dieses Mal die Art und Weise, wie er seiner Ergriffenheit Ausdruck verleiht. Das macht er so überzeugend, daß man auch als Hörer regelrecht einen Kloß im Hals hat.
Ebenso intensiv ist auch das Spiel von Detlef Bierstedt(Dr. Watson), der beispielsweise begeistert die Innenaustattung des Grand Hotels beschreibt und dabei etwa die herrlichen Stuckarbeiten würdigt. Daß er nicht nur lieb und nett sein kann, beweist er in dem Moment, als er sich äußerst widerwillig dazu bereit erklärt, auf das würdelose Spiel mit Mary Vetsera einzugehen. Höhepunkt seiner Darstellung ist aber für mich die unangenehme Kutschfahrt, bei der er vollständig die Fassung verliert. Selten habe ich so eine ergreifend gespielte Szene gehört.
Ich erwähnte eingangs ja bereits, daß es sich hier um ein sehr besonderes Hörspiel handelt, und das bezieht sich auch auf die Besetzung.
Skriptautor Marc Gruppe verweist in seinem Skript nicht nur auf die allererste Folge der Reihe ("Im Schatten des Rippers"), sondern inkludiert auch schon lange nicht mehr aufgetretene Figuren wie Regina Lemnitz(Mrs. Martha Hudson) und Philine Peters-Arnolds(Margery Mapleton) als deren Cousine, die in den frühen Geschichten regelmäßig mit von der Partie waren.
Lemnitz spielt die neugierige Haushälterin mit der gewohnten Ruppigkeit gegenüber Holmes einerseits und der schon mehr als freundlichen Art gegenüber Watson andererseits. Die Darbietung von Philine Peters-Arnolds(Margery Mapleton) als deren Base, grenzt meinem Empfinden nach jedoch an Overacting. Sie wirkt mir etwas zu aufgedreht und überkandidelt.
Vollkommen überzeugt haben mich dagegen Ursula Sieg(Gabriele/Demelinerin) und Silvana Sansoni(Monika/Demelinerin) als Kellnerinnen, die höflich und zuvorkommen gegenüber ihren Gästen sind und ihren Text mit österreichischem Akzent vortragen. Großartig finde ich auch Anja Kruses(Helene Vetsera) Portrait der verzweifelten Baronin, die Holmes und Watson geradezu um Hilfe anfleht und die durch die Ereignisse und deren Ausgang in Verbitterung endet.
Luise Herget(Hanna Vetsera) hat nur eine relativ kurzen, aber dennoch überzeugenden Auftritt als freundliche Baroness.
Sigrid Burkholder(Mary Vetsera) in der Rolle der jüngsten Tochter, zieht den Hörer von Anfang an mit ihrer lieblichen Stimme in den Bann. Ihr Vortrag klingt vollkommen authentisch, und man nimmt ihr die Verliebtheit und die daraus resultierende Verzweiflung jederzeit ab.
Kristine Walther(Marie Louise von Larisch-Wallersee) als häufig wütende Gräfin und Nichte der Kaiserin Elisabeth ist geradezu bestechend in ihrer Charakterisierung der geldgierigen Vermittlerin, die sie mit harter Stimme spricht und der die ganze Angelegenheit schnell über den Kopf wächst.
Edda Fischer(Jenny/Zofe) und Kathryn McMenemy(Bertha/Zofe) intonieren ihre Parts mit der für die gesellschaftliche Stellung gebotenen zustimmenden Unterwürfigkeit, während die Hofärzte Guido Hoegel(Dr. Auchenthaler) und Sascha von Zambelly(Dr. Heinrich Slatin) überheblich, herablassend und gefühlskalt agieren. Jonas Minthe(Kronprinz Rudolf) hingegen finde ich ein wenig blass, was aber vermutlich nur auf seinen geringen Textanteil bzw. seine kurzen Auftritte zurückzuführen ist. Er bleibt hauptsächlich als vor allem aufgeregter, ein wenig geheimnisvoll wirkender Adliger im Gedächtnis.
Die beiden Fuhrwagenlenker Sascha Wussow(Kutscher Franz Weber) und Bert Stevens(Kutscher) portraitieren ihre Figuren makellos, wobei es besonders Wussow durch seinen größeren Textanteil gelingt, einen bleibenden Eindruck beim Hörer zu hinterlassen.
Schauspielerisches Highlight ist für mich dieses Mal eindeutig Daniela Bette(Kaiserin Elisabeth), deren angenehme, ausdrucksstarke Stimme ein ungewohntes Portrait der berühmten Kaiserin zeichnet. Wie einer echten Monarchin gelingt es ihr, trotz aller Trauer, die Fassung zu wahren. Die Komplexität und innere Zerrissenheit ihrer Figur wird erst offenkundig, als sie Selbstzweifel äußert und beginnt, sich Vorwürfe zu machen.
Auch die restlichen Nebenrollen sind hochkarätig besetzt. Peter Weis(Rodeck/Prior) leiht seine leicht kratzende Stimme dem einen Teil der Gebrüder des K & K Lieferanten und dem Geistlichen, Matthias Lühn(Torwächter/Ludwig Herzog in Bayern) ist mal der abweisende Wachposten und mal der wütende Vater von Marie Louise von Larisch-Wallersee. Horst Naumann(Portier Jahoda) spielt den älteren, unfreundlichen Pförtner der Vetseras. Axel Lutter(Zeremonienmeister) kann die Gunst des Hörers mit seiner ausdruckstarken Stimme genauso gewinnen wie Nils Kreutinger(Erzherzog Johann Salvator) in der Rolle des immer noch besorgten Adligen, der ein neues Leben beginnen will. Unbedingt erwähnt werden muss auch die unvergleichliche Reinhilt Schneider(Baronin), der Titania den für Hörer ungewohnten Part einer entrüsteten, sich förmlich das Maul zerreißenden Klatschbase gegeben hat. Der genervte Operngast wird zwar im Booklet nicht aufgeführt, aber ich vermute, daß es sich bei ihm um Marc Gruppe handelt.

Fazit:
Kein typischer Kriminalfall, sondern ein wunderbarer Ausflug in das Wien der Kaiserzeit.

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