Rezension: Sherlock Holmes - 48 - Der Gezeitenstrom

Sherlock Holmes, Jerry Cotton - Kommissare und Detektive ermitteln Psychopaten im Ohr.
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MonsterAsyl
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Rezension: Sherlock Holmes - 48 - Der Gezeitenstrom

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Sherlock Holmes - 48 - Der Gezeitenstrom

Zum Inhalt:
Mervyn Davidson, ein entfernter Bekannter des Meisterdetektivs, braucht dessen Hilfe. In der Nähe seines Anwesens ist der unbeliebte Nachbar Mr. Yarrow im Gezeitenfluß Ling zu Tode gekommen. Zunächst geht man von Ertrinken aus, aber schnell wird klar, daß es sich um Mord handelt. Ein junger Mann, der Tat dringend verdächtig, wird umgehend verhaftet, doch Davidson und auch Holmes zweifeln an dessen Schuld...

Zur Produktion:
Mit dem vorliegenden Hörspiel hat Titania Medien erneut eine Ronald Standish-Geschichte des britischen Soldaten und Autors Herman Cyril McNeile (28.09.1888 - 14.08.1937) vertont. "The Tidal River", so der englischsprachige Originaltitel, erschien erstmals im durch Sir Arthur Conan Doyle weltberühmt gewordenen "The Strand Magazine" im Februar 1933. Da auch diese Geschichte in der damaligen Gegenwart spielt, hatte Hörspielskriptautor Marc Gruppe zunächst die Aufgabe, sämtliche "modernen" Aspekte wie Telephonate oder Automobile, wieder zu Telegrammen oder Kutschen zu machen. Im Fall des Telephongesprächs werden hier allerdings stattdessen direkte Gespräche geführt, oder ein Dienstmädchen übermittelt die Botschaft. Die Umwandlung der Fahrzeuge zu Zweispännern geschieht so unauffällig, daß man sie gar nicht bemerkt. Was den Inhalt angeht, folgt Gruppe, bis auf eine etwas längere Einführung und einen detailreicheren Schluß, McNeiles literarischer Vorlage. Die erste Hälfte des Hörspiels beinhaltet dementsprechend Davidsons Schilderung der Ereignisse, wobei diese selbstverständlich nicht einfach nur nacherzählt, sondern in Form von Spielszenen bzw. Dialogen präsentiert werden. Dabei lässt es sich der Skriptautor nicht nehmen, die bei McNeile angesprochene Jagd zu einer "Fuchsjagd" zu präzisieren. Damit der Hörer, im Fall von Unkenntnis, auch weiß, was ein Gezeitenstrom ist, fügt er außerdem eine kurze Erläuterung dazu ein. Sämtliche sonstigen Änderungen, unter anderem, daß der Photograph direkt mehrere Abzüge gemacht hat oder Holmes vorher fragt, ob er die Uhr öffnen darf, fügen sich vollkommen natürlich in den Ablauf der Handlung ein. Aber nicht nur deshalb ist Gruppes Skript erneut besser als die literarische Vorlage. So gibt es hier weder eine Beichte des Täter noch einen Erklärungen abgebenden Butler. Stattdessen wird der Delinquent allein anhand von Holmes' Ermittlungen überführt, und auch das, was danach noch mit ihm geschieht, wird von Gruppe nachvollziehbar beschrieben. Darüber hinaus hat er den Schluß der Handlung leicht umgestellt, was diesen sehr viel logischer macht. Besonders gut gefallen hat mir die neu hinzugekommene Beweisführung, daß der Täter nicht allein gehandelt hat, die bei McNeile nur unzureichend erfolgt. Damit auch der Humor nicht zu kurz kommt, hat der Skriptautor noch den Titel einer bekannten Krimikomödie (Eine Leiche zum Dessert) mit einfließen lassen. Apropos Humor: das Hörspiel endet mit einem sogenannten "Abschlußlacher" der Beteiligten, wie man ihn auch aus einer bekannten Jugendhörspielserie kennt. Ich bin mir nicht sicher, ob es sich dabei um eine Hommage an diese handeln soll, finde das Gelächter allerdings im Zusammenhang mit dem zuvor Gehörten nicht ganz passend. Doch wie sooft ist das natürlich auch eine Geschmacksfrage. Der Fall selbst und dessen Aufklärung ist den ganzen Verlauf über derart spannend, das man als Hörer die ca. 68minütige Spielzeit als wesentlich kürzer empfindet.
Wie gewohnt haben die beiden Regisseure und Produzenten Stephan Bosenius und Marc Gruppe jede einzelne Szene mit großer Detailverliebtheit zum Leben erweckt. Bei der Eröffnungszene wird das Frühstück von klapperndem Geschirr und Besteck sowie dem Hintergrundgemurmel vieler Personen begeleitet. Wer genau hinhört, erkennt noch ein im Hintergund leise vor sich hin brennendes Kaminfeuer. Ebenso präzise fällt auch die Szene am Bahnhof aus. So singnalisieren Züge ihr Ankunft mit einem Pfeifen und entsprechend quietschenden Bremsen, es wimmelt förmlich von dezent eingespielten Reisenden, und die Pferde der Kutschen wiehern ungeduldig. Sequenzen, die in der freien Natur spielen, wie zum Beispiel die am Flußufer, werden mit leichtem Wind, der in den Gräsern spielt, Vogelzwitschern und entfernt krächzenden Krähen dargestellt. So schön die akustische Untermalung auch ausfällt, gibt es dennoch eine Szene, die ich nicht so gelungen finde. Als Holmes die Uhr untersucht, die ihm von dem ermittelnden Beamten zur Verfügung gestellt wird, gibt es keine örtliche Zuordnung, wo dies geschieht. Eigentlich würde man ja davon ausgehen, daß eine derartige Handlung in einem Polizeirevier oder zumindest in einer eher privaten Umgebung stattfände, da es sich um ein wichtiges Beweisstück handelt. Dementsprechend deplaziert wirkte auf mich die hier eingespielte Menschenmenge.
Davon mal abgesehen ist die Geräuschkulisse jedoch absolut perfekt, denn auch ein so nebensächlicher Laut wie das Blättern in einem Notizbuch, wurde nicht vergessen. Die musikalische Untermalung erfolgt mit den zur Handlungszeit passenden Instrumenten wie Geige, Klavier, Harfe, Flöte und Trommeln. Interessanterweise haben Bosenius und Gruppe diesmal darauf verzichtet, sämtliche Szenen mit Musik zu versehen, was dazu führt, daß genau diese Sequenzen besonders realistisch und somit noch eindrücklicher wirken. Neben der so gelungenen Titelmelodie, welche genau wie die fröhlich anmutende Zwischenmusik quasi Markenzeichen der Reihe ist, gibt es noch eine sehr melodische Weise, die mit Harfe und Geige intoniert wurde, sowie ein Stück, das den Hörer an typisch irische Musik denken lässt. Auch die Dramatik kommt nicht zu kurz, und so erklingt noch eine durch den Einsatz von Trommeln besonders düster wirkende Tonfolge. Effekte werden nur spärlich eingesetzt, beispielsweise hört man den Ruf eines entfernt stehenden Protagonisten nur leise, und die Spielszenen des Rückblicks sind mit leichtem Hall unterlegt, um diese als vergangen zu kennzeichnen.

Zu den Sprechern:
Die Darstellung des Meisterdetektivs durch Joachim Tennstedt(Sherlock Holmes) ist wieder einmal ein großes Vergnügen. Zu Beginn stellt er seine Figur gut gelaunt, ja geradezu begeistert von der Aussicht auf einen neuen, interessanten Fall dar. Doch dieser Optimismus schwindet, je mehr er sich mit dem Fall beschäftigt. Ganz Doyles Charakterisierung entsprechend, hat er auch hier keinerlei Gefühl für Romantik. Ihm zur Seite steht sein treuer Freund und Chronist Detlef Bierstedt(Dr. Watson), der allerdings ziemlich untergeordnet agiert. Trotzdem sind es gerade seine Anmerkungen in Bezug auf das ausfallende Dessert oder die Bewunderung für die Schönheit der Landschaft, die den Hörer amüsieren und ihn so sympathisch wirken lassen. Neben dem Ermittlerduo ist es aber Nicolas König(Mervyn Davidson), der die eigentliche Hauptrolle inne hat. König trifft genau den richtigen Ton, wenn es darum geht, seinen Part drängend, beinahe hastig und vor allem aufgeregt zu spielen, und seine Art der Irritation bzw. Verblüffung über Holmes' Erkenntnisse steht der Bierstedts als Watson in keiner Weise nach. Mindestens ebenso gut ist auch Helmut Zierl(Mr. Stapleton) in seiner Rolle des freundlichen, erschütterten Nachbarn, der den Toten laut eigenem Bekunden durchaus mochte und dessen Tod bedauert. Sprecherlegende Bernd Kreibich(Dr. Granger) weiß auch aus einer kleinen Rolle wie der des Dorfarztes das Beste zu machen, und er überzeugt mit seiner sachlichen, dennoch jederzeit freundlichen Art. Herbert Tennigkeit(Sergeant Gayson) ist perfekt in seiner Verkörperung des diensteifrigen, sturen, wie sooft in diesen Geschichten überheblichen Polizeibeamten, der glaubt, alles besser zu wissen. Skriptautor Gruppe gibt ihm mit seinen Dialogen eine etwas blutrünstige Note, was ihn als Akteuer noch zusätzlich hervorhebt. Jonas Minthe(Christopher Stern) brilliert als leicht unsicher wirkender junger Mann, den die gegen ihn vorgebrachte Beschuldigung nicht nur erschreckt, sondern regelrecht verzweifeln lässt. In weiteren Nebenrollen kommen noch Patrick Bach(Mr. Vickers) als sein selbstbewusster Verteidiger, Horst Naumann(Mr. Yarrow) als unsympathischer, grober Haustyrann, Sigrid Burkholder(Mrs. Yarrow) als dessen wesentlich jüngere, von seinem Tod tief erschütterte Ehefrau, sowie Bodo Primus(Richter) als strenger, gründlicher Gerichtsvorsitzender und Peter Weis(Mr. Briggs) als etwas verhuscht wirkender Zeuge zu Gehör. Der Auftritt von Marc Gruppe(Mann) ist so kurz, daß man schon genau hinhören muss, um ihn nicht zu verpassen.

Fazit:
Erneut ist es Titania Medien gelungen, die literarische Vorlage um Längen zu übertreffen.

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