Rezension: Sherlock Holmes - 49 - Das Grauen von Old Hall

Sherlock Holmes, Jerry Cotton - Kommissare und Detektive ermitteln Psychopaten im Ohr.
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MonsterAsyl
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Rezension: Sherlock Holmes - 49 - Das Grauen von Old Hall

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Sherlock Holmes - 49 - Das Grauen von Old Hall

Zum Inhalt:
Aufgeregt platzt Mrs. Hudson in ein Gespräch zwischen Sherlock Holmes und seinem Freund Dr. Watson. Sie hat einen Brief von ihrem Patenkind Molly Tremayne erhalten. Diese will heiraten, doch das ist nicht der Grund für Mrs. Hudsons Anspannung. Molly schrieb ihr, daß mysteriöse Dinge auf "Old Hall", dem Anwesen ihres Verlobten William Mansford, vorgingen und sie dringend die Hilfe des Meisterdetektivs benötige. Da Holmes erst kürzlich in der Zeitung gelesen hat, daß sowohl der Vater des Verlobten, als auch Williams Bruder unerwartet an einem Herzschlag verstorben sind, ist sein Interesse geweckt. Um Mrs. Hudson zu beruhigen, macht er sich umgehend in Begleitung seines treuen Chronisten auf den Weg...

Zur Produktion:
Das vorligende Hörspiel ist bereits die 13. Vertonung einer Kurzgeschichte des britischen Autors Herman Cyril McNeile (28.09.1888 - 14.08.1937), die eigentlich "Ronald Standish" und seinen Freund "Tom Belton" als Protagonisten hat. Übrigens schrieb McNeile jeden Morgen ohne Unterbrechung um die 1000 Worte und überarbeitete seine Werke auch erst nach deren Abschluß. Da Stil und Art der Geschichten doch sehr an das berühmte Detektivduo von Sir Arthur Conan Doyle erinnern, bieten sie sich durchaus für eine Adaption innerhalb der Sherlock Holmes-Reihe an. Hörspielskriptautor Marc Gruppe ist ja bekannt dafür, immer dicht an der literarischen Vorlage zu bleiben und bei seinen Adaptionen bzw. umgeschriebenen Versionen sehr behutsam vorzugehen.
Das ist hier ebenso der Fall, auch wenn sich dadurch natürlich einige Veränderungen ergeben. Zunächst fällt ins Auge, daß er den Titel geändert hat, denn eigentlich heißt die Geschichte, die McNeil bereits 1923 verfasste, "The Horror at Staveley Grange" und entstammt dem Band "The Saving Clause and other Stories", Hodder and Stoughton Ltd, London 1927. Dazu muss man wissen, daß es in der literarischen Version eigentlich zwei Anwesen gibt, die eine Rolle spielen, nämlich "Staveley Grange" und "Old Hall". Letzteres bewohnen die Protagonisten wegen der bereits in der Inhaltsangabe erwähnten mysteriösen Todesfälle, während sich diese vorher in "Staveley Grange" zugetragen haben. Da es aber für den eigentlichen Ablauf unerheblich ist, daß zwei Handlungsorte existieren, hat Gruppe sich entschieden, diese einfach zusammenzulegen und den Schauplatz nach dem aktuellen Aufenthalt der Charaktere zu benennen. Vermutlich, da der Name "Old Hall" auch besser zu einer Holmes-Geschichte passt und man als Hörer sofort ein entsprechendes Bild vor Augen hat.
Die nächste Veränderung betrifft die Beschreibung von Ronald Standish, welche Gruppe aus verständlichen Gründen nicht in sein Skript einfließen ließ, denn dieser hat nun mal eine ganz andere Physiognomie als der Meisterdetektiv. Den Brief von Molly Tremayne erhält im Original auch nicht Mrs. Hudson, einfach weil es weder diese noch eine andere Bedienstete bei McNeile gibt, sondern Standishs Freund Tom Belton.
Die restlichen Veränderungen betreffen lediglich die "modernen" Erfindungen, die es zu Holmes' Zeiten einfach nicht gab. So wird aus dem Auto wieder eine Kutsche, aus dem Feuerzeug die damals gebräuchlichen Streichhölzer, und die Taschenlampe bleibt ganz unerwähnt. Selbstverständlich heißt der ermittelnde Beamte von Scottland Yard auch nicht mehr McIver, sondern Lestrade. Ansonsten gibt es so gut wie keine weiteren Änderungen, wenn man mal davon absieht, daß McNeile dem Leser Wahnsinn als Tatmotiv anbietet, während es bei Gruppe einen sehr viel bodenständigeren Anlass für die verübten Verbrechen gibt.
Um das Geschehen flüssig und vor allem hörspielgerecht zu halten, hat der Skriptautor den Erzählertext und auch Holmes' Abschlußerklärung in Dialoge umgearbeitet. Nur wenige Gespräche sind neu dazugekommen, und diese dienen hauptsächlich zur überaus gelungenen humorvollen Auflockerung. Stellvertretend sei hier auf die Szene hingewiesen, in der Mansford Holmes und Watson einen Drink anbietet, den der Meisterdetektiv jedoch dankend ablehnt, weswegen sowohl der Gastgeber, als auch Dr. Watson ebenfalls darauf verzichten, nicht jedoch ohne ihre Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen. Bei einem Kriminalfall spekuliert man ja auch als Hörer automatisch darüber, wie das Verbrechen verübt worden sein könnte, und interessanterweise stellt man hier unwillkürlich die gleichen Überlegungen an, wie Dr. Watson, welche aber natürlich falsch sind. Nach ca. zwei Drittel des Hörspiels werden wahre "Holmesianer" zwar dennoch hinter die Methode kommen, doch Täter und Motive bleiben bis zum Schluß im Dunkeln. Dieser Umstand und die souveräne Inszenierung sorgen auch dafür, daß trotz der umfangreichen Laufzeit von fast 82 Minuten die Spannung bis zum Schluß erhalten bleibt.
Die Kurzweiligkeit ist nicht zuletzt auch auf die Produktion und Regie von Stephan Bosenius und Marc Gruppe zurückzuführen, deren Auswahl an Musik und Geräuschen das Hörspiel so erlebbar macht. Neben der eingängigen Tielmelodie, welche schon zu einem Markenzeichen der Reihe geworden ist, werden beinahe alle Szenen mit immer passenden Melodien unterlegt. Bei der Zugfahrt nach "Old Hall" erklingt die bereits aus anderen Folgen bekannte fröhliche Zwischenmusik, die dem Hörer klarmacht, daß noch keine Gefahr für die Protagonisten besteht. Sobald es jedoch dramatischer wird, weichen die lockeren, leichten Melodien düsteren Weisen. Im Gegensatz zu den meisten Musikstücken, kommt dort dann auch der Synthesizer zum Einsatz, und diese Tonfolgen sind geradezu "carpenteresque" gehalten. Ansonsten dominieren, der Handlungszeit entsprechend, klassische Instrumente wie Geige, Klavier, Flöte und andere Blasinstrumente. Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch einen kleinen musikalischen Scherz, der mich überaus amüsiert hat. Als die Protagonisten zu Bett gehen, wird nämlich ein Kinderschlaflied eingespielt, das mich an "Guten Abend, gut Nacht" erinnert hat. Was ich ja an den Hörspielen von Titania Medien immer besonders schätze, ist der dichte Geräuscheteppich, mit dem die einzelnen Szenen ausgestattet werden. Am Bahnhof sind einfahrende Züge, deren Pfeifen und Bimmeln sowie die quietschenden Bremsen zu hören und selbstverständlich auch das geschäftige Treiben der ankommenden oder abfahrenden Passagiere. Nach Einbruch der Dunkelheit sind diverse nachtaktive Vögel und im Wind oder durch Bewegung der Personen raschelnde Gräser und Büsche zu hören, während im zugigen Gemäuer von "Old Hall" der Wind pfeift. Die Sorgfalt bei der Produktion kommt natürlich besonders bei den kleinen, unauffälligen Tönen zum Tragen. Exemplarisch sei hier das Knarren des Bettes genannt, auf welches Holmes zur näheren Begutachtung steigt. Nicht ganz so überzeugend finde ich hingegen, daß man die an einer Kordel befestigte Dienerglocke hört, denn normalerweise können dies nur die Bediensteten in der Küche oder an einem anderen Ort außerhalb des Raumes, wo sich die Glocke eben befindet. Für die Effekte wird nur auf den Einsatz von Hall zurückgegriffen, der mal intensiver (in der Vorhalle), mal dezenter (im Billiardzimmer) ausfällt, um die Größe des jeweiligen Raumes akustisch darzustellen.

Zu den Sprechern:
Da es sich nicht um eine Originalgeschichte von Doyle handelt, agiert Joachim Tennstedt(Sherlock Holmes) ein wenig anders als bei diesem. Zwar belehrt er auch hier gern mal seine Gesprächspartener und verfällt öfter in das für ihn typische Grübeln, jedoch ist er insgesamt wesentlich auskunftsfreudiger und lässt sich sogar zu einem Lob gegenüber seinen Klienten hinreißen. Sein Freund und Chronist Detlef Bierstedt(Dr. Watson), der in jeder Folge auch das Intro spricht, passt mit seiner Gutmütigkeit und seiner steten Verblüffung über die Schlußfolgerungen des Meisterdetektivs besser zu seinem Pendant bei Doyle. Regina Lemnitz(Mrs. Hudson) als die Haushälterin, war ja schon länger nicht mehr dabei. Umso mehr hat es mich gefreut, sie hier wieder mal zu hören. Ihre Darstellung der aufgeregten älteren Frau gefällt mir besser als in früheren Folgen, da ihre schnippischen, häufig auch sehr nörgeligen Kommentare auf ein absolutes Minimum beschränkt sind und sie somit eher der ursprünglichen Figur entspricht. So gern ich auch der Stimme von Regine Lamster(Molly Tremayne) lausche, bin ich doch der Meinung, daß sie ein wenig zu alt für die Rolle einer jungen Verlobten klingt. Davon abgesehen ist ihre Darbietung jedoch ohne jeden Makel. Sämtliche darzustellenden Emotionen wie Dankbarkeit, Erleichterung oder Besorgnis intoniert sie absolut überzeugend, und wenn sie anfängt, aufgeregt vor sich hin zu "plappern", kommt sie dem Alter ihrer Figur doch wieder sehr nahe. Valentin Stroh(William Mansford) überzeugt als sachlich sprechender, über die Vorurteile seiner Mitmenschen verärgerter bzw. verbitterter zukünftiger Ehemann von Molly, der fest entschlossen ist, den rätselhaften Todesfällen auf den Grund zu gehen. Gleiches gilt für Lutz Reichert(Inspektor Lestrade) als gut gelaunter Polizeibeamter, der erst wieder grummelig wird, als er merkt, daß Holmes ihm doch um Längen voraus ist, was die Lösung des Falles betrifft. Ebenso gut gefallen hat mir das nuancierte Spiel von Bert Stevens(Templeton) in der Rolle des abergläubischen, ein wenig ängstlichen Butlers von Mansford. Die leicht heisere Stimme passt hervorragend zu seinem Portrait des älteren Bediensteten, der vor Aufregung auch schon mal zu stammeln beginnt. Kurzauftritte haben Ingeborg Kallweit(Mrs. Bretherton) als verängstigte, aber resolute ältere Dame und Marc Gruppe(Diener) als Hausangestellter. Letzterer ist jedoch so unauffällig in das Geschehen integriert, daß man schon genau hinhören muss, um ihn nicht zu verpassen. Damit entspricht er aber dem Meisterregisseur Sir Alfred Hitchcock, der seine Werke ebenfalls immer mit einem ultrakurzen Erscheinen zu "veredeln" pflegte.

Fazit:
Ansprechend inszeniertes und zum Mitraten einladendes Abenteuer des Meisterdetektivs.

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