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Rezension: Sherlock Holmes - 70 - Die Dame mit dem blauen Hut

Verfasst: Do 09.04.2026, 14:05
von MonsterAsyl
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Sherlock Holmes - 70 - Die Dame mit dem blauen Hut

Zum Inhalt:
Sherlock Holmes und sein Freund Doktor Watson sind auf der Vernissage des Malers Harold Spofford, eines Bekannten des Meisterdetektivs. Der Künstler hat vor zu heiraten, allerdings nicht, wie allgemein erwartet, sein Lieblingsmodell, sondern eine bisher völlig unbekannte junge Frau. Damit beider Glück nichts mehr im Wege steht, bittet Spofford Holmes um einen etwas heiklen Dienst. Er soll das Modell am nächsten Tag vor deren Abreise am Bahnhof treffen und sich ein Medaillon aushändigen lassen, welches der Maler ihr einst geschenkt und mit einer Liebeserklärung versehen hatte. Holmes und Watson sind zwar pünktlich, können die Dame jedoch nicht finden. Während sie auf den nächsten Zug warten, kehrt der zuvor abgefahrene zurück, denn es hat sich darin ein Mord ereignet. Das Opfer ist das Modell...

Zur Produktion:
Das vorliegende Hörspiel ist die dritte Adaption einer Geschichte des britischen Kriminalautors Richard Austin Freeman (11.04.1862 - 28.09.1943), der mit seiner Figur des Gerichtsmediziners Dr. John Evelyn Thorndyke Bekanntheit erlangte. Die Grundlage für dieses Hörspiel bildet die Kurzgeschichte "The blue Sequin", so der englischsprachige Originaltitel, die erstmals 1909 in dem Sammelband "John Thorndyke's Cases" erschien. Eine deutschsprachige Veröffentlichung ist bisher noch nicht erfolgt. Normalerweise bleibt Skriptautor Marc Gruppe inhaltlich immer relativ dicht an der literarischen Vorlage. Dies ist hier nicht der Fall. Freemans Kurzgeschichte bildet lediglich die Grundlage für das Hörspielskript. Zwar sind alle Elemente des ursprünglichen Kriminallfalles auch hier enthalten, allerdings wurden diese völlig neu sortiert und teilweise verändert. Da wären zunächst die Namen der Protagonisten zu nennen. Im Hörspiel heißt die Hauptfigur Harold Spofford und nicht Stopford und der Metzger Weasley statt Felton. Für die Handlung spielt das natürlich keine Rolle und wird nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Neu hinzugekommen sind das ausführliche Intro, also der Besuch der Vernissage, sowie das längere Ende, in dem sich Lestrade mit Holmes und Watson kabbelt. Interessanterweise wird hier wieder einmal Monty, der bei Titania Medien existierende Neffe von Holmes, erwähnt. Möglicherweise hat er ja in einer der nächsten Folgen erneut einen Auftritt? Der gravierendste Unterschied betrifft allerdings die Stiere. Bei Freeman soll Holmes/Thorndyke sich ein Tier aussuchen, welches dann für ihn getötet wird, hier sind die Bullen bereits tot. Ich vermute, daß diese Änderung vorgenommen wurde, damit der Detektiv nicht zu grausam wirkt. Der Plot ist auf jeden Fall extrem spannend geworden und die Auflösung wirklich überraschend. Etwas schade finde ich, daß man das Medaillon, welches eine so wichtige Rolle spielt, auf dem Coverbild nicht am Hals des Modells sieht, obwohl es laut Geschichte dort sein müsste. Inhaltlich habe ich aber gar nichts zu bemängeln und fühlte mich ca. 81 Minuten lang ausgezeichnet unterhalten.
Produktion und Regie liegen wie immer in den bewährten Händen von Stephan Bosenius und Marc Gruppe. Für die musikalische Untermalung greifen die beiden hauptsächlich auf zeitgenössische klassische Instrumente wie Klavier, Geige und Blasinstrumente zurück, aber auch der Synthesizer wird dezent eingesetzt. Neben der bekannten Titel- und Schlussmelodie oder der fröhlichen Zwischenmusik, erklingen noch diverse entspannte Klavier- und Geigenweisen. Zu meiner Freude kommt kurz ein Choral zu Gehör, und der sparsam eingesetzte Synthesizer sorgt für die bedrohlichen Zwischentöne. Akustisches Highlight ist für mich aber einmal mehr die üppige Geräuschkulisse, mit der jede Szene zum Leben erweckt wird. Während der Vernissage hört man das Gemurmel und den Applaus der Besucher, im Bahnhof ertönt eine Zugpfeife, der Zug nimmt an Fahrt auf, und auch der schrille Pfiff der Schaffnerspfeife wurde nicht vergessen. Wie immer sind es aber die kleinen, eher unscheinbaren Töne, die für ein rundum gelungenes Hörerlebnis sorgen. Egal ob es um das Abklopfen des Staubs von Holmes' Kleidung geht, die Türklingel der Metzgerei bimmelt, oder jemand mit einem Stock auf ein Stierhorn klopft, kein noch so kleines Geräusch wurde vergessen. Am besten hat mir aber das Kratzen des Objekträgers, als er auf dem Mikroskop arretiert wird, gefallen. Wie gewohnt verzichten Bosenius und Gruppe weitestgehend auf Effekte, lediglich innerhalb des Bahnhofs wurden die Dialogpassagen mit einem leichten Hall unterlegt.

Zu den Sprechern:
Joachim Tennstedt(Sherlock Holmes) ist einfach großartig in der Rolle des Meisterdetektivs. Er bewundert die Akribie des Malers, und als er von dem Lichtspiel in den Bildern spricht, beweist er, daß er nicht nur etwas von Kriminalistik, sondern auch von Malerei versteht. Selbstverständlich ist er wieder einmal enttäuscht, als sein Chronist und Freund Doktor Watson etwas für ihn Offensichtliches nicht ebenfalls gleich bemerkt hat, und es macht einfach Spaß, wie er auf Lestrades Herausforderung eingeht. Detlef Bierstedt(Dr. Watson), der auch das Intro spricht, verkörpert erneut seinen "menschlicheren" Gegenpol. Er hegt romantische Gefühle, kann Holmes' Gedankengängen nicht immer folgen und macht Spofford Komplimente. Humoristischer Höhepunkt ist aber sein Gejammer, daß er friert. Bene Gutjan(Harold Spofford) überzeugt als freundlicher Künstler, dessen Glück nur durch die Beziehung zu seinem Modell getrübt wird. Er beteuert zwar, die Frau nicht mehr zu lieben, aber die Art und Weise, wie er das sagt, lassen nicht nur bei Holmes und Watson Zweifel aufkommen. Gerade dieses Herumdrucksen und seine zögerlichen Aussagen bezüglich der Dame, sind Beweise für Gutjans Einfühlungsvermögen. Uschi Hugo(Catherine Winfield) hat als seine Verlobte nur einen relativ kleinen Part, und ihre schöne Stimme ist dabei nur im Hintergrund zu hören. Sehr gut gefallen hat mir auch Axel Lutter(Sir Alfred Braid) als herablassender Kunstkritiker, der von Holmes und Watson nur als "niederträchtiger Schmierfink" bezeichnet wird. Bodo Primus(Schaffner) ist klasse als beflissener Bahnangestellter, der die Leiche gefunden hat und Holmes mit seinen detaillierten Beobachtungen beeindruckt. Lutz Reichert(Inspektor Lestrade) glänzt mit seinem souveränen Portrait des von sich überzeugten Polizeibeamten, der natürlich glaubt, den Täter bereits verhaftet zu haben. Seine Äußerungen gegenüber Holmes und Watson sind wie gewohnt abfällig und selbstherrlich. Umso amüsanter wird es dann, als er schließlich zugeben muss, daß Holmes ihn wieder einmal ausgestochen hat. Sein Beharren darauf, daß der Tag kommen werde, an dem der Meisterdetektiv sich irre, erinnert an ein bockiges Kind, das unbedingt Recht behalten will. In einer Nebenrolle ist noch Thomas Balou Martin(Metzger Weasley) als gut gelaunter, hilfsbereiter Fleischer zu hören.

Fazit:
Spannender Fall mit ungewöhnlicher Auflösung.

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