
Sherlock Holmes - 72 - Der Aluminiumdolch
Zum Inhalt:
Henry Curtis ist verzweifelt. Seine Tochter steht unter dem Verdacht, ihren Verlobten mit einem Aluminiumdolch ermordet zu haben. Natürlich ist ihr Vater von ihrer Unschuld überzeugt, und auch dem Meisterdetektiv kommen Zweifel, denn das Opfer wurde in einem verschlossenen Raum aufgefunden...
Zur Produktion:
Zum vierten Mal vertont das Label Titania Medien hier eine Geschichte des britischen Autors Richard Austin Freeman(11.04.1862 - 28.09.1943). Wie schon bei den Vorgängern, handelt es sich um einen Fall mit dem Rechtsmediziner Dr. Thorndyke als Ermittler, welchen Skriptautor Marc Gruppe zu einem Sherlock Holmes-Abenteuer umgeschrieben hat. "The Aluminium Dagger", so der englische Originaltitel, erschien erstmals im Frühjahr 1909 im "Person's Magazine" und wurde im gleichen Jahr in dem Sammelband "John Thorndyke's Cases" nachgedruckt. Wie schon bei den vorherigen Hörspielen nach Freeman, hält sich Marc Gruppe nicht sklavisch an die literarische Vorlage, sondern kreiert eine eigene Version. Er behält zwar fast alle wesentlichen Elemente der Originalstory bei, versieht sie jedoch mit einem neuen Intro und einem erweiterten Ende. Außerdem stellt er die Reihenfolge der Ereignisse um.
Eröffnet wird das Hörspiel mit einer der üblichen kleinen Kabbeleien zwischen Sherlock Holmes und seiner Haushälterin Mrs. Hudson, zu der es am Ende wieder einen Bezug gibt, so daß sich der erzählerische Kreis quasi schließt. Das vorliegende Hörspiel beinhaltet eine klassische Kriminalgeschichte, bei der die Ermittlungsarbeit und nicht die "Action" im Vordergrund steht. Dank der geschickten Umstellung der einzelnen Handlungselemente, bleibt das Geschehen über die Laufzeit von fast 75 Minuten stets spannend. Dabei ist es durch einen besonderen Kniff, den ich hier nicht verraten möchte, für den Hörer unmöglich, vor Holmes auf den Täter zu kommen. Daß Freeman den Ermordeten als "älteren Mann" bezeichnet, während Gruppe von einem "athletischen jungen Mann" spricht, spielt für die Handlung ebensowenig eine Rolle, wie der Tausch des Vornamens Horace gegen Walther, oder daß Sätze von anderen Personen als bei Freeman gesprochen werden. Unbedingt erwähnenswert sind allerdings zwei Punkte. Zum einen präsentiert der Skriptautor dem Hörer eine sehr viel plausiblere Art und Weise, wie das Opfer getötet wurde, und zum anderen entfällt bei ihm eine ursprünglich vorhandene Spur, nach der Italiener als Täter in Frage kommen würden. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum Gruppe diese weggelassen hat. Erstens bringt sie die Handlung nicht wirklich vorwärts, und zweitens fällt die Beschreibung der Italiener derart rassistisch aus, daß uns heute die Haare zu Berge stehen würden, hätte er sie in das Hörspiel einfließen lassen. Da es mir nicht anders geht, verzichte ich auch auf die Nennung etwaiger Beispiele. Normalerweise beschäftige ich mich ja in meinen Rezensionen eher selten mit dem Cover des Hörspiels, aber in diesem Fall muss ich eine Ausnahme machen. Schon als Kind habe ich mir während des Hörens immer gern das Covermotiv angeschaut, und das war hier nicht anders. Dabei ist mir aufgefallen, daß das mit Hilfe von KI erstellte Bild zwei Fehler enthält. Einmal handelt es sich bei der dargestellten Uhr um einen anderen Typus als in der Geschichte. Dort ist nämlich von einer Kaminuhr die Rede, deren Glasdeckel offen steht. Einmal sind zwei der römischen Zahlen auf dem Zifferblatt falsch. Statt IV wird IIII verwendet, und selbst wenn man mit viel gutem Willen bei den römischen Ziffern für 08:00 Uhr zuerst ein V statt weiterer "I"s erkennen wollte, bliebe es bei einer VII statt der korrekten VIII. Wahrscheinlich ist dies nur wenigen Hörern aufgefallen, und im Zeitalter des Streamings spielt das Cover ja eh keine so große Rolle mehr wie früher. Aber für mich passt dieser Widerspruch halt nicht wirklich mit der sorgfältigen Arbeitsweise von Titania Medien zusammen.
In Bezug auf Produktion und Regie gibt es nach wie vor nur wenige, die Stephan Bosenius und Marc Gruppe das Wasser reichen können. Für die musikalische Untermalung kommen hauptsächlich Klavier, Geige und der Synthesizer zum Einsatz. Neben der bekannten Titelmelodie und der ebenfalls vertrauten fröhlichen Zwischenmusik, hört man vor allem düster wirkende, langgezogene Synthesizertöne. Außerdem alternieren die Melodien, je nachdem, was die aktuelle Szene an Stimmung verlangt. Mal erscheinen sie unheimlich, dann wieder ruhig und beinahe tragisch, um schließlich humorvoll oder spannungsgeladen zu werden. Ein besonderes akustisches Highlight ist für mich ja jedesmal die unfassbar üppig gestaltete Geräuschkulisse. In der Bakerstreet wird mit der Zeitung geraschelt, der Tee wird eingegossen, das Geschirr klappert, wenn der Löffel beim Umrühren gegen die Tassenwand schlägt, die Tür zum Wohnzimmer von Holmes und Watson quietscht, und wenn Mrs Hudson das Fenster öffnet, meint man, ein kräftiger Windstoß würde durch den Raum fegen. Am Tatort klimpert der Uhrenschlüssel leicht, der Blasebalg mit dem Puder ist deutlich zu vernehmen, und draußen zwitschern die Vögel im Garten. Besonders beeindruckend finde ich das fiese Geräusch, mit dem das Metall des Dolches an den Knochen stößt. Apropos Dolch. Was dessen Klang angeht, bin ich etwas zwiegespalten. Einerseits finde ich, daß er sich eher wie ein Schwert anhört, als er aus der Wunde gezogen wird, andererseits ist er auf einer Zeichung in der literarischen Vorlage auch wesentlich größer dargestellt, als mit der üblichen Klingenlänge von 10 bis 40 cm. Sobald sich die Protagonisten im Treppenhaus des Tatorts oder im Hausflur des gegenüberliegenden Hauses befinden, sind ihre Schritte sowie das Gesagte mit einem leichten Hall versehen.
Zu den Sprechern:
Daß Genie und Wahnsinn dicht beieinanderliegen können, ist ja bekannt, und Joachim Tennstedt(Sherlock Holmes) bringt das sprachlich ganz hervorragend zum Ausdruck. Es ist großartig, ihm zuzuhören, wenn er allen Ernstes Watson und Mrs. Hudson unterstellt, ein Komplott gegen ihn zu schmieden, was seine Figur eingangs schon ein wenig paranoid wirken lässt. Im weitereren Verlauf beruhigt er sich dann aber schnell wieder. Spaß machen dem Hörer auch seine ständigen kleinen Spitzen gegenüber Lestrade. Es gibt nicht viele Sprecher, die wie Detlef Bierstedt(Dr. Watson) in der Lage sind, eine Nebenfigur so zu spielen, daß sie als dem Meisterdetektiv gleichwertig erscheint. Ihm gegenüber wird er gern mal sarkastisch, während er dem verzweifelten Klienten nichts als Sympathie und Verständnis entgegenbringt. Aus seiner unverhohlenen Verachtung gegenüber Lestrade macht er keinen Hehl, und wenn es darum geht, diesem eins auszuwischen, ist er sofort dabei. In Regina Lemnitz'(Mrs. Hudson) Darstellung der von Holmes ständig genervten, schnell beleidigten Haushälterin steckt erneut hörbares Vergnügen, und es macht Spaß, ihr sprachliches Duell mit dem Meisterdetektiv zu verfolgen. Irgendwie ist es kein Wunder, daß Lutz Reichert(Inspektor Lestrade) ständig grummelt. Denn sobald er jemanden verhaftet, kann sich der Hörer sicher sein, daß diese Person ganz bestimmt nicht als Täter infrage kommt. Dementsprechend paradox wirkt es, daß der Polizeibeamte trotzdem stur der Meinung ist, Holmes mit abwertendem Spott gegenübertreten zu können.
Ich habe noch keine Rolle erlebt, in der Sprecherlegende Lutz Mackensy(Henry Curtis) nicht brilliert hätte. Seine Darstellung des hochgradig nervösen, ungeduldigen Vaters, der von der Unschuld seiner Tochter überzeugt ist, sucht ihresgleichen. Schon als er Sherlock Holmes aufsucht, ist er vollkommen außer Atem, und seine Stimme überschlägt sich fast vor Aufregung. Seine innerliche Erschütterung wegen des Leichenfunds überträgt sich genauso auf den Hörer, wie seine Entrüstung darüber, daß seine Tochter unter Mordverdacht steht. Bodo Primus(Portier) agiert sehr passend als zunächst etwas zögerlicher, dann aber freundlicher Concierge, Christoph Jablonka(Dr. Egerton) spielt den zuvorkommenden, gewissenhaften Polizeiarzt, und Bene Gutjan(Bürogehilfe) überzeugt als höfliche, bereitwillige Hilfskraft. Der Auftritt von Stephan Bosenius(Kutscher) als Fuhrwagenlenker ist so gut versteckt, daß er schon einem Easteregg gleichkommt.
Fazit:
Locked Room-Mystery mit überraschender Auflösung.
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