Rezension: Grimms Märchen - 6 - Hänsel und Gretel / Die sieben Raben / Die Gänsehirtin am Brunnen

Von Pettersson und Findus bis hin zu den Drei Fragezeichen - Hier wird das kindliche Ohr gefüttert
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Rezension: Grimms Märchen - 6 - Hänsel und Gretel / Die sieben Raben / Die Gänsehirtin am Brunnen

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Grimms Märchen - 6 - Hänsel und Gretel / Die sieben Raben / Die Gänsehirtin am Brunnen

Zum Inhalt:
Hänsel und Gretel:
Auf Grund von bitterster Armut lässt sich ein Vater von seiner neuen Frau dazu überreden, seine Kinder Hänsel und Gretel im Wald auszusetzen. Das Schicksal der beiden scheint besiegelt, aber dann führt sie ein weisser kleiner Vogel direkt zu einem Häuschen aus Pfefferkuchen...
Die sieben Raben:
Aus Sorge um seine neugeborene Tochter schickt der Vater seine sieben Söhne zum Wasserholen. Als diese dazu länger brauchen als nötig, verflucht er sie und die sieben Jungen werden in Raben verwandelt. Als die Tochter erwachsen ist, erfährt sie vom Los ihrer Brüder und beschliesst, sie zu retten...
Die Gänsehirtin am Brunnen:
Ein junger Graf trifft eines Tages eine alte Frau im Wald. Da diese sehr schwer tragen muss, beschliesst er, ihr dabei zu helfen. Endlich an deren Hütte angekommen erhält er zur Belohnung ein Büchslein, das aus einem einzigen Smaragd geschnitten ist...

Zur Produktion:
Wer Märchen und Kindergeschichten liebt, kennt natürlich die Hörspiele "Titania Sepcial", von denen bedauerlicherweise schon länger keine Folge mehr erschienen ist. Diese Lücke füllt das Label inzwischen mit einer eigenen Märchenreihe nach Erzählungen der Gebrüder Grimm. Auch die hier vorliegende Folge enthält eine Mischung aus sehr bekannte Dichtungen, wie "Hänsel und Gretel" und eher unbekannten, wie "Die sieben Raben" und "Die Gänsehirtin am Brunnen". Doch das ist selbstverständlich nicht der einzige Grund, warum ich jedem, auch bereits dem kindesalter entwachsenen Hörern, diese schön Reihe ans Herz legen möchte. Das erste Hörspiel auf der CD ist "Hänsel und Gretel". Um den Ablauf hörspielfreundlich zu gestalten, hat Skriptautor Marc Gruppe bei allen drei Geschichten etliche Teile des Erzählertextes in Dialoge umgschreiben, ohne jedoch ganz auf den Erzähler zu verzichten. Eigentlich mag in den Einsatz des selbigen nicht so besonders, aber zu Märchen gehört er einfach dazu. Doch zurück zu "Hänsel und Gretel". Sprachlich gibt es nur wenige Änderungen, so wurde beispielsweise aus dem "Bübchen" ein "Junge" und aus den "Alten" die heutzutage geläufigeren "Eltern". Ansonsten gibt es ein paar wenige schmückende Adjektive, so ist unter anderem von "lieben" Kindern die Rede. Insgesamt fällt der Text erheblich flüssiger aus, als bei den Gebrüder Grimm und es gibt auch ein paar kleine Kürzungen. So fehlt der Satz: "...so mussten sie verschmachten" und auch der Abschlußsatz: "Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daraus machen." ist nicht mehr vorhanden. Letzterer stellt wirklich keinen Verlust dar, da es einerseits nicht mehr zeitgemäß ist, Mäusepelze für irgendetwas zu verwenden und andererseits Mäuse von Kindern als niedlich und nicht mehr als Schädlinge wahr genommen werden. Während es bei der ersten Erzählung nur wenige Änderungen gibt, sind es bei der zweiten Geschichte "Die sieben Raben" wesentlich mehr. Das Gruppe hier das bei den Gerbüder Grimm nicht näher spezifizierte Spiel zum "Kartenspiel" wird, ist absolut vernachlässigenswert, ganz im Gegensatz zu den weiteren Abänderungen. So schleicht sich bei Titania das Gretchen nicht heimlich aus dem Haus, sondern erhält vorher die Erlaubnis der Eltern. Ebenfalls neu ist das "Messerchen" welches sie auf ihre Reise mitnimmt und das gegen Ende eine wichtige Rolle spielt, welches aber von den ursprünglichen Autoren mit keinem Wort erwähnt wird. Diese "Erweiterung" ist schon fast als essentiell zu bezeichnen, denn sie sorgt dafür, das der weitere Verlauf absolut nachvollziehbar bleibt. Interessanterweise spielt die Figur des "Glasberg-Zwergleins" hier eine sehr viel größere Rolle als in der literarischen Vorlage. So ist er es, der Gretchen auffordert den Glasberg zu betreten und in dem ein wenig erweiterten Ende freut er sich für die Beteiligten und das Höerspiel endet mit seinem Zusperren der Türe. Letzteres finde ich besonders gut gelungen ud erinnert mich ein wenig an die Augsburger Puppenkiste, bei der sich zum Ende ebenfalls die Türen der Kiste schließen. Auch beim dritten und letzten Märchen "Die Gänsehirtin am Brunnen" sind ein paar Veränderungen zu bemerken. Neben der Tatsache, daß eine der Töchter ihren Vater so liebt wie dessen Krone, statt dem ursprünglich genannten Zucker, ist wohl die auffälligste Neuerung, daß die Trulle hier als "nackt und wohlgeformt" bezeichnet wird. Eine Erweiterung, die Kindern wohl nicht auffallen und Erwachsene nicht stören wird. Um die Geschichte ein wenig zeitgemäßer zu gestalten, ist hier ausserdem von "vielen Säcken voller Perlen" die Rede und nicht einfach nur von einer unbestimmten Anzahl Perlen, was eher zu dem nachfolgend sorglosen Leben passt. Was das Ende der Geschichte betrifft, hat es sich Skriptautor Marc Gruppe nicht nehmen lassen, die Handlung ein wenig zu erweitern und im Gegensatz zu den Gebrüder Grimm, die sich mit vagen Andeutungen und Vermutungen verabschieden, ist hier das weitere Schicksal der Figuren konkretisiert worden. Neu hinzugekommen ist auch der klassische Satz: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute", ein Ausspruch, der auch für mich einfach dazu gehört.
Abgesehen von den überaus gelungenen Hörspielskripten, ist es die Art und Weise, mit der die beiden Produzenten und Regisseure Stephan Bosenisu und Marc Gruppe die Geschichten inszeniert haben, die zu begeistern weiß. Da ist zu allererst die wunderbare musikalische Untermalung der Geschichten zu nennen, die allesamt mit klassichen Instrumenten, wie diversen Streich- und Blasinstrumenten (u.a. Geige, Bass, Flöten und Hörnern), Klavier, Harfe und Orgeln eingespielt worden sind. Besonders die wuchtigen Klänge der Kirchenorgel haben es mir angetan. Die Melodien alternieren zwischen fröhlich und entspannend, sowie dramatsich und ein wenig bedrohlich, je nachdem was die Szene gerade verlangt. Bei dem Auftritt der Hexe beispielsweise wird auch dem kleinsten Hörer sofort klar, daß diese eine Bedrohung darstellt, während die beschwingte Streichermelodie bei Gretchens Aufbruch dafür sorgt, das auch die Jüngsten das allein umherziehende Mädchen sorglos begleiten können. Selbstverständlich dürfen auch dieses mal die Fanfaren nicht fehlen, sobald die Handlung in ein Schloß verlegt wird. Ausserdem werden noch etliche bekannte Melodien klassischer Stücke zu Gehör gebracht, die ich allerdings Mangels Fachkenntniss leider nicht benennen kann. Ebenso opulent wie die Musik fällt auch die Geräuschkulisse aus. Nachts zirpen Zikaden, tagsüber zwitschern die Vögel, Ziegen & Schafe blöken, Kühe muhen, Gänse schnattern und Katzen maunzen fordernd. Jede Tür klingt anders, so knarrt die Tür zum Hexenhaus unheilverheißend, während die Ofentür metallisch quietscht. Highlight sind für mich das saftige Platschen des gefüllten Kruges, als selbiger in den Brunnen fällt, der grollende Glasberg, der akustisch so düster dargestellt wird, wie Mordor und das durch Mark und Bein gehende knacksende Geräusch, welches man beim Abschneiden des kleinen Fingers hört. Neben den zu erwartenden Effekten, wie das leisere Einspielen von Texten bei entfernt agierenden Sprechern und dem Hall der Stimmen im Inneren des Palastes, sind es vor allem die Waldszenen, die im Gedächtnis bleiben. Dort "verliert sich" der Ton auf Grund von dessen Größe bzw. dem Wind der durch die Bäume streicht. Selten habe ich ein derart genaues akustisches Abbild zu Ohren bekommen.

Zu den Sprechern:
Da der Erzähler Peter Weis(Erzähler) in allen Märchen dabei ist, beginne ich auch mit ihm, bevor ich auf die Sprecher der einzelnen Geschichten eingehe. Für mich ist Peter Weiß DER Nachfolger von Hans Paetsch, wenn es darum geht, Märchen zu erzählen. Jede Geschichte beginnt er mit der Nennung des Titels und es ist seine unaufgeregte Art, die den Hörer umgehend in die phantastischen Märchenwelten eintauchen lässt.

Hänsel und Gretel:
James McMenemy(Hänsel) spricht den mutigen und tapferen Jungen zwar mit großer Natürlichkeit, aber zu Beginn des Hörspiels gibt es einen Satz, bei dem er ein wenig stolpert. Aus diesem Grund hätte ich als Regisseur ihn diesen neu einsprechen lassen. Geradezu makellos ist dagegen Marelne Bosenius(Gretel) in der Rolle der überwiegend traurigen Gretel. Bosenius agiert dabei so überzeugend, daß man als Hörer gar nicht anders kann, als Mitleid für sie zu empfinden. Hans-Georg Panczak(Vater) ist überragend als verständnisvoller, aber verzweifelter Vater, der seine Kinder über alles liebt. In starkem Kontrast dazu steht das Spiel von Marion Hartmann(Stiefmutter) als herzlose und herrische Ehefrau, der nur ihr eigenes Wohl am Herzen liegt. Sprecherisches Highlight ist für mich aber Monika John(Knusperhexe) Portrait der uralten Zauberin, die zunächst freundlich und zuvorkommend scheint, bevor sie ihre Maske fallen lässt und sich geradezu diebisch auf das Verspeisen der Knder freut. Abgerundet wird der hervorragende Cast mit Stanis Wielhu(Ente) als quakendes Federvieh. Wielhu verstellt hier ein wenig seine Stimme und spricht den Text mit hoher Stimme, um seine Figur für Kinder noch nahbarer zu machen.

Die sieben Raben:
Christoph Jablonka(Vater) intoniert das betrübte Familienoberhaupt, welches sich leichtsinnig dazu hinreißen lässt, seine Söhne zu verfluchen. Ihm zur Seite steht Arianne Borbach(Mutter) als liebevolle Gattin, die sofort schreckliches ahnt, als ihr Mann die Beherrschung verliert. Marlene Bosneius(Neugeborenes) hat hier nur einen Kurzauftritt als schreiendes Baby und auch Gerlinde Dillge(Frau) als tratschende Nachbarin ist nur kurz zu hören. Die Hauptrolle in diesem Märchen wird von der unvergleichlichen Reinhilt Schneider(Gretchen) gesprochen, deren immer noch lieblich klingende Stimme zu dem von ihr dargestellten freundlichen und fröhlichen jungen Mädchen passt, wie die Faust aufs Auge. Ihr Portrait des zunächst mutigen und tapferen Fräuleins, das dann doch an seine Grenzen stößt und anfängt zu Stottern und zu Schluchzen ist absolut ergreifend. Martin May, Bene Gutjan, Tom Raczko u.a.(Brüder) sind klasse als ausgelassen spielende Kinder, die anfangs durchaus jugendlich klingen, bevor sie, ganz der Handlung entsprechend, sich später als Raben durchaus erwachsen anhören. In weiteren Nebenrollen treten noch Cornelia Meinhardt(Sonne) als boshaft lachende Sonne, welche das arme Gretchen fressen will, Michael Pan(Mond) als furchteinflössender finsterer Geselle und Bernd Kreibich, Regine Lamster, Maximiliane Häcke, Daniela Thuar(Sterne) als freundliche und tröstende Gestirne auf. Jan Makino(Morgenstern) spricht den hilfsbereiten Himmelskörper mit warmer Stimme, während Willi Röbke(Glasberg-Zwerglein) seinen Vortrag, von der Stimmlage her, etwas höher als gewohnt ansetzt, um dem kleinwüchsigen freundlichen Wesen noch eher zu entsprechen.

Die Gänsehirtin am Brunnen:
Auch wenn wirklich alle Sprecherinenn und Sprecher weit über dem Durchschnitt liegen, so nimmt Beate Gerlach(Alte) doch eine Sonderrolle ein. Es ist einfach toll, wie es Gerlach nur durch ihr nuanciertes Spiel gelingt, den Hörer ständig daran zweifeln zu lassen, ob es sich bei ihrer Figur nun um einen bösen oder guten Charakter handelt. Mal lacht sie hämisch und agiert schon beinahe boshaft, dann ist sie wieder freundlich und geradzu liebevoll. Besser kann man das einfach nicht machen. Beinahe auf gleicher Höhe ist auch Jannik Endemann(junger Graf) in der Rolle des freundlichen und besorgten Jünglings, der sein Mitleid mit der alten Frau erstmal bitter bereut, bevor er von dieser fürstlich belohnt wird. Endemann geht vollkommen in seinem Part auf, was er belegt, in dem er seinen Text mal ruft und mal flüstert. Fast ebenso undurchsichtig wie die Alte, ist auch ihr Mündel, gespielt von Stephanie Kellner(Trulle). Ihr erster Auftritt lässt sie burschikos, ja fast schon derb erscheinen, was unter anderem daran liegt, daß sie ihren Text mit rauer Stimme spricht. Im weiteren Verlauf jedoch, in dem sie immer weiblicher klingt, erkennt man als Hörer immer mehr ihren guten Kern. Bodo Primus(König) ist souverän als ungeduldiger und hart auftretender Monarch, der eigentlich sehr stolz auf seine jüngste Tochter ist, diese aber verstößt als sie seine Anforderung anders erfüllt, als er es erwartet hatte. Die wohlklingende Stimme von Anita Lochner(Königin) passt perfekt zu der unglücklichen Herrscherin, die in tiefer Trauer um die verschwunden Tochter ist. Weitere Nebenrollen füllen noch Louis Friedemann Thiele(Mann) als verblüffter Vater, der sich in Gegenwart der Alten äusserst unwohl fühlt, Marlene Bosenius(Kind) als dessen ängstliche Tochter und Luisa Wietzorek, Regine Lamster(Königstöchter) als Prinzessinnen, die zwar schöne Stimmen, aber ein gehässiges und schnippische Wesen haben, auf.

Fazit:
Liebevoll erzählte Märchen, bei denen man sich, auch als Erwachsener, fast 90 Minuten lang wunderbar entspannen kann.

Das Hörspiel Grimms Märchen - 6 - Hänsel und Gretel / Die sieben Raben / Die Gänsehirtin am Brunnen
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