Seite 1 von 1

Rezension: Grimms Märchen - 20 - Die goldene Gans - Doktor Allwissend - Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet

Verfasst: Fr 17.04.2026, 14:13
von MonsterAsyl
Bild

Grimms Märchen - 20 - Die goldene Gans - Doktor Allwissend - Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet

Zum Inhalt:
Die goldene Gans:
Weil der großzügige und herzensgute Dummling sein Essen und Trinken mit ihm teilt, sorgt ein graues Männlein dafür, daß er eine goldene Gans erhält. Jeder, der sie anfasst, klebt daran fest, und schon bald hat sich eine Menschenkette gebildet, deren Anblick eine traurige Prinzessin zum Lachen bringt. Laut königlichem Gesetz dürfte der Jüngling sie dafür nun heiraten, doch ihr Vater, der Monarch, findet den Dummling nicht standesgemäß und versucht die Heirat zu verhindern, indem er dem jungen Mann unmöglich zu erfüllende Aufgaben stellt...

Doktor Allwissend:
Ein Bauer mit schlichtem Gemüt möchte unbedingt Doktor werden. Also fragt er einen befreundeten Arzt, wie ihm das gelingen könnte. Dieser gibt ihm lauter unsinnige Ratschläge, unter anderem, sich "Doktor Allwissend" zu nennen, welche der Landwirt buchstabengetreu umsetzt. Als bei einem reichen Mann ein Diebstahl aufgeklärt werden soll, ruft man natürlich nach Doktor Allwissend...

Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet:
Ein junger Prinz sucht das Abenteuer und zieht hinaus in die Welt. Unterwegs trifft er auf das Haus eines Riesen. Dieser bittet ihn, für seine Braut einen Apfel vom Baum des Lebens zu holen. Dieser Baum wird zwar von wilden Tieren bewacht, aber der Monarchensohn willigt dennoch sofort ein und macht sich auf den Weg...

Zur Produktion:
Titanias Reihe "Grimms Märchen" ist bereits bei Folge 20 angekommen, und noch immer tauchen darin Märchen auf, die mir bisher unbekannt waren. Los geht es allerdings mit einer Geschichte, die viele kennen dürften.
"Die goldene Gans"(Kinder- und Hausmärchen 64, nachfogend mit KHM abgekürzt) gehört wohl zu den bekanntesten Erzählungen der Gebrüder Grimm [Jacob Grimm (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859)] und erschien in dieser Form erstmals 1819. Da einige Ausdrücke bzw. Redewendungewn heutzutage nicht mehr zeitgemäß sind oder den Hörer verwirren würden, hat Skriptautor Marc Gruppe in allen drei Märchen die Sprache ein wenig modernisiert. So heißt es z.B. in der "Goldenen Gans" im Zusammenhang mit einer Baumfällung nicht mehr "hau ab", sondern "hau um". Ebenfalls neu hinzugekommen sind einige schmückende Adjektive, wie "hübsch" bei einem jungen Mann oder der "gewaltig dicke" Leib bei einer anderen Figur. Darüber hinaus hat Gruppe noch einige zusätzliche Dialoge verfasst, die hauptsächlich dazu dienen, den Ablauf flüssiger zu gestalten. Die Grimmsche Version endet recht abrupt und unbefriedigend. Das hat wohl auch den Skriptautor gestört, denn er hat das Märchen um einen vernünftigen Abschluß erweitert. Nur in dieser Version erfährt man, was aus der Gans wird und kann der Trauung akustisch beiwohnen. Besonders gut gefällt mir der leicht abgewandelte Schlußspruch: "Und wenn sie nicht gestorben sind, so lachen sie noch heute zusammen". Die erste Geschichte dauert ca. 31 Minuten, und wie auch schon in den vorangegangenen Folgen, ist die mittlere die kürzeste. Bei "Doktor Allwissend"(KHM 98) bleibt Marc Gruppe recht dicht an der Vorlage. Es kamen nur wenige Dialoge hinzu, einer der Diener erhielt den Namen "Jean", und auch hier wurde die Sprache in die Gegenwart versetzt. So heißt es statt "ging an den Hals" nun "ging an den Kragen". Darüber hinaus ist das Ende um ein Gespräch zwischen dem Bauern und seiner Frau ausgedehnt worden. Das Märchen dauert ca. 15 Minuten. Die dritte und letzte Geschichte kannte ich bisher nicht und vermutete zunächst, es handele sich dabei um eine abgewandelte Version vom "Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen"(KHM 4). Tatsächlich sind sich die beiden Geschichten jedoch nur thematisch ein bisschen ähnlich. Gerade bei "Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet"(KHM 121) ist es besonders auffällig, daß die Sprache an die heutige Zeit angepasst wurde. So ist unter anderem von "Alle neune" die Rede, und eine Figur "lauschte ergriffen". Den Handlungsteil mit dem Vögelchen, welches sich wie blind benimmt und den Königssohn so auf die richtige Idee bringt, um sich heilen zu können, hat der Skriptautor weggelassen. Das finde ich aber nicht schlimm, denn im Endeffekt ist diese "Erklärung" vollkommen überflüssig und hält die Handlung nur unnötig auf. Die Geschichte dauert ca. 26 Minuten. Alles in allem kommt man somit auf eine Gesamtlaufzeit von ca. 72 Minuten.
Die Verantwortung für Produktion und Regie liegt wieder bei Stephan Bosenius und Marc Gruppe, den Köpfen hinter Titania Medien. Musikalisch bleibt man ganz in der Zeit des Geschehens. Es kommen ausschließlich klassische Instrumente wie zB. Geige, Oboe, oder Trompete zum Einsatz. Neben weiteren unterschiedlichen Blas- und Streichinstrumenten, hört man auch eine Orgel. Die Musikstücke sind abwechslungsreich gestaltet und alternieren zwischen pompösen orchestralen Weisen und ruhigeren Melodien, bei denen einzelne Instrumente vorherrschend sind. Während etliche Passagen bei "Die goldene Gans" dauerhaft mit Musik unterlegt sind, geht es bei "Doktor Allwissend" mit weniger Melodien sehr viel ruhiger zu. In der dritten und letzten Geschichte "Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet" wird es musikalisch noch einmal richtig opulent. Neben einem Stück mit Oboe im Zentrum, gibt es noch eine populäre Geigenmelodie, deren Name mir bedauerlicherweise nicht bekannt ist, und selbstverständlich muss bei Hofe eine Fanfare ertönen. Mein persönliches Highlight ist die Streichinstrumenten-Kakofonie im Schloß, da diese konsequent die bis dahin vorherrschende Harmonie unterbricht. Richtig lebendig wird das Geschehen aber erst mit den passenden Geräuschen. Besonders beeidruckend finde ich die Szenen, welche im Wald spielen. Gerade hier wird die Komplexität der an diesem Ort vorkommenden Töne besonders deutlich. Unterschiedlichste Vögel zwitschern und singen, Gräser rascheln im Wind, ein Specht hämmert, und nachts sind andere Vögel, wie zB. das rufende Käuzchen, aktiv. In "Die goldene Gans" schnattert und schlägt der titelgebende Vogel mit den Flügeln, während das Wirtshaus mit murmelnden Gästen und einem prasselnden Kaminfeuer gekonnt in Szene gesetzt wird. Da diese Märchen auch für ein jüngeres Publikum gedacht sind, hört sich der Ton, als sich zwei Männer eine Axt ins Bein hauen, längst nicht so brutal und realistisch an, wie es bei der Reihe "Gruselkabinett" der Fall gewesen wäre. Apropos Wirtshaus, selbiges ist auch bei "Doktor Allwissend" akustisch hervorragend umgesetzt worden. Schwere Münzen klappern auf einen massivem Holztisch, ein Becher Wein wird eingeschenkt und der Krug hörbar abgesetzt, wobei sich weitere Gäste leise im Hintergrund unterhalten. Am besten gefallen hat mir aber der heulende Wind im Hof, das Zerbrechen des auf den Boden gefallenen Geschirrs und das Blättern in dem ABC-Buch. Da die dritte und letzte Geschichte wesentlich düsterer ausfällt als die beiden anderen, gibt es hier, neben dem bereits beschrieben Wald, noch krächzende Rabenvögel, pfeifenden und heulenden Wind und natürlich eine wuchtige Standuhr, die zur Geisterstunde schlägt. Akustisches Highlight sind für mich die vollkommen natürlich klingenden Schrittgeräusche. In allen drei Märchen gibt es dezente Effekte. "Die goldene Gans" wartet mit unterschiedlich gestaltetem Hall im Wald und im Keller auf, bei "Doktor Allwissend" hallt es im Speisesaal, und der Diener im Ofen klingt dumpf. Bei "Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet" wird der Schrei des Riesen, als er den Berg hinabfällt, immer leiser, um die größer werdende Distanz zwischen ihm und den Hörern darzustellen.

Zu den Sprechern:
Da Bodo Primus(Erzähler) diese Aufgabe in allen drei Märchen übernimmt, gehe ich auf ihn separat ein. Primus gelingt es, seinen Text mit diversen Emotionen zu unterlegen, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen. Es ist, als ob er und der Hörer quasi die gleichen Gefühle teilen. Wenn Primus amüsiert ist, sind wir es auch, wenn er ernst wird, werden wir es auch. Darüber hinaus sind es seine sympathische Stimme, die klare Aussprache und die punktgenaue Betonung, welche seine Darbietung zu einem besonderen Vergnügen machen.

Die goldene Gans(KHM 64):
Rolf Berg(Vater) macht einen unnahbaren Eindruck und traut seinem Jüngsten so gar nichts zu. Auch Kristine Walther(Mutter) ist gegenüber ihren beiden anderen Söhnen, Jesse Grimm(Ältester Sohn) als ungeduldiger, unhöflicher und geradezu unverschämter Kerl, und Matthias Lühn(Mittlerer Sohn) als ebenso herablassender, unfreundlicher Patron, sehr viel liebevoller und fürsorglicher als zu Sebastian Fitzner(Jüngster Sohn), dem Helden der Geschichte. Fitzner ist großartig als angeblicher "Dummling", der auf seine Weise doch wesentlich schlauer ist als alle anderen. Er wirkt absolut überzeugend, wenn er sich eifrig in seine Aufgabe stürzt und seine dankbare, höfliche Art machen ihn umgehend sympathisch. Spätestens, wenn er vollkommen ehrlich seinen Namen "Dummling" nennt, hat er jeden Hörer auf seiner Seite. Ebenfalls sehr gut ist Willi Röbke(Graues Männlein) in seinem Part als betagtes, hilfsbereites Männchen, hinter dem mehr steckt, als das Äußere vermuten lässt. Köstlich amüsiert haben mich Uschi Hugo(Älteste Wirtstochter), Philine Peters-Arnolds(Mittlere Wirtstochter) und Fabienne Hesse(Jüngste Wirtstochter) als neugierige, zänkische Frauen. Aber auch die Darbietungen von Peter Reinhardt(Pfarrer) als zunächst belustigter und dann ärgerlicher Priester, der die Mädchen tadelt, und Joachim Tennstedt(Küster) als verwunderter, diensteifriger Messner, der ins Sottern kommt, fand ich wirklich gelungen. Bert Stevens(Bauer) und Axel Lutter(Bauer) spielen die beiden freundlichen und hilfsbereiten Landarbeiter, und die unvergleichliche Reinhilt Schneider(Königstochter) leiht ihr Stimme der liebreizenden, ganz verlegenen Prinzessin, die sich in Dummling verliebt. Besondere Aufmerksamkeit verdient aber auch Hans Bayer(König), der mit brummiger Stimme den überheblichen Monarchen gibt. Bayer spricht die Figur mit einem listigen Unterton, so daß spätestens, als er siegessicher hämisch auflacht, jeder Hörer erkennt, wer hier der Bösewicht ist.

Doktor Allwissend(KHM 98):
Uli Krohm(Bauer Krebs) gelingt die ultimative Darstellung des freundlichen aber einfältigen Landwirts, der alles glaubt, was man ihm sagt. Die naive Art, mit der Krohm hier agiert, macht seine Figur extrem sympathisch und genau so zu einem Gewinner der Herzen, wie Herma Koehn(Grete) als seine Gattin und dümmlich lachende Seelenverwandte. Matthias Lühn(Doktor) legt einen Hauch von Souveränität in seine Stimme, die er auch dann nicht verliert, als er dem Bauern lauter lächerliche Anweisungen gibt. Zwar amüsiert er sich könglich darüber, diesen so an der Nase herumgeführt zu haben, doch am Ende ist es Krebs, der zuletzt lacht. Valentin Stroh(Reicher Herr) ist klasse als freundlicher, bestimmender Mann, der die Dienste des Doktor Allwissend in Anspruch nimmt. In weiteren Rollen treten noch Hans Bayer(Diener), Axel Lutter(Diener), Sebastian Fitzner(Diener), Detlef Bierstedt(Diener) und Bert Stevens(Diener) als zuvorkommende, beinahe unterwürfige Domestiken, die überaus nervös und unsicher agieren, auf.

Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet(KHM 121)
Jesse Grimm(Königssohn) ist der Inbegriff des selbstbewussten jungen Mannes, dessen Entschlossenheit, trotz der Schmerzen, die er erdulden muss, zu keiner Zeit ins Wanken gerät. Nicht minder großartig ist auch Bert Stevens(Riese) als verschlagener Gigant, der vor nichts zurückschreckt, um sein Ziel zu erreichen. Gleiches gilt für die Figur, welche Philine Peters-Arnolds(Braut des Riesen) spielt. Sie agiert extrem misstrauisch und schnippisch und wirkt genauso skrupellos wie ihr zukünftiger Gemahl. Sehr angesprochen hat mich auch Hans Bayer(Löwe) als hilfsbereite Raubkatze, die brummend den Adelsspross und seine Habe verteidigt. Gleiches gilt auch für Marie Bierstedt(Jungfrau), deren wohlklingende Stimme perfekt zu ihrer Rolle als "Damsel in Distress/Jungfrau in Not" passt. Außerdem sprechen noch Axel Lutter(Teufel), Sebastian Fitzner(Teufel), Marc Gruppe(Teufel), Peter Reinhardt(Teufel) und
Matthias Lühn(Teufel) mit verstellter bzw. verzerrter Stimme die bösartigen, brutalen Dämonen. Wenn ich mich nicht verhört habe, sind es auch diese "Teufel", welche die im Booklet ungenannt gebliebenen Diener intonieren.

Fazit:
Für so wunderbar erzählte Märchen ist man nie zu alt.

Das Hörspiel Grimms Märchen - 20 - Die goldene Gans - Doktor Allwissend - Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet
gibt es als Download bei
Amazon.de
oder als CD bei
POP.de